Dienstag, 10. Dezember 2013

Lernen und Persönlichkeitsentwicklung = eigennütziger Selbstfindungstrip?

“Lernen durch tatkräftiges Helfen” - So lautet das offizielle weltwärts Motto.
Aber was beinhaltet dieses “Lernen” und welchen nachhaltigen Effekt hat mein neu gewonnenes Wissen für andere? Und bin ich als frisch gebackene Abiturientin ohne berufliche Qualifikationen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit überhaupt in der Lage “tatkräftig zuhelfen”?

Das Diskutieren über das weltwärts Motto beim Zwischenseminar im November regte mich erneut dazu an über den Sinn des weltwärts Freiwilligendienstes nachzudenken. Unterschiedliche Rollenbilder eines Freiwilligen wurden diskutiert. Einige hatten andere Erwartungen an den Freiwilligendienst und an sich selbst, als andere. Ein gemeinsamer Nenner für alle wurde auch am Ende der Seminartage nicht gefunden.
Da nun fast die Hälfte unserer Zeit in Indien vorbei ist, möchte ich im folgenden Beitrag mein persönliches Fazit über den Sinn und Wert eines weltwärts Freiwilligendienstes mit dem Schwerpunkt auf den Aspekt der Nachhaltigkeit darstellen. Ob wir unserer NGO im hier und jetzt nun "tatkräftig helfen" weiß ich nicht. Trotzdem haben Janina und ich das Gefühl, sei es das Schreiben von Case studies, das Drehen des Dokumentationsfilms über das CaSP Projekt, die Arbeit mit den Mädchen im Heim oder einfach der kulturelle Austausch mit Mitarbeitern, dass wir nicht völlig "nutzlos" für unsere NGO sind.


“Welwärts”, der entwicklungspolitische Freiwilligendienst, welcher vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert wird, wird in den Medien viel diskutiert. Weltwärts sei ein “Abenteuerurlaub auf Staatskosten”, ein “über Steuergelder finanziertes Tourismus-Programm für junge Leute” und eine “Abenteurerreise für deutsche Ethno-Touristen” heißt es immer wieder von kritischen Stimmen. Das Programm sei ein “Selbstfindungstrip für Abiturienten mit Weltverbesserer-Drang”. Weltwärts ist in meinem Auge zwar nicht einfach als “Selbstfindungstrip” abzustempel, jedoch spielen die Erfahrungen, die man macht, sowie die Dinge, die man lernt und die daraus zwangsläufig resultierende Persönlichkeitsentwicklung tatsächlich eine entscheidende Rolle. Und das nicht nur für den Freiwilligen selbst, sondern auch für die Nachhaltigkeit eines Frewilligendienstes.
Die Bedenken von Seiten der weltwärts-Kritiker sind für mich trotzdem stellenweise nachvollziehbar. Auch ich habe mir sowohl vor dem Antreten des Frewilligendienstes, als auch während meiner Zeit hier in Indien oft die Frage gestellt, ob das Geld, welches vom BMZ in weltwärts gesteckt wird, nicht effektiver, nachhaltiger und mehr im Sinne der Entwicklungshilfe, in Projekte und Fachpersonal in den jeweiligen Schwellen- und Entwicklungsländern, investiert wäre.


Im folgenden spreche ich vor allem für mich persönlich, da ich es natürlich nicht ausschließen kann, dass es tatsächlich Freiwillige gibt, die sich einen lauen Lenz im Ausland machen und sich nicht bemühen ihre Eindrücke und Erfahrungen zu observieren, zu reflektieren und daraus zu lernen.
Das Lernen steht nämlich, wie es auch in dem Motto deutlich werden soll, im eigentlichem Fokus von weltwärts. Natürlich sind wir als Freiwillige in der Regel keine Entwicklungsexperten. Aber wir sind junge, motivierte (im Idealfall) Menschen, die die Zeit in einer ausländischen Organisation und in einer anderen Kultur nutzen um zu lernen. Sei es über Entwicklungszusammenarbeit, eine andere Kultur mit ihren unterschiedlichen Werten und Normen oder die eigene Verantwortung in der Gesellschaft. - In einem Land wie Indien hat man meiner Meinung nach gar keine andere Wahl, als seinen Blick auf die Welt und das Leben zu erweitern. Durch Gespräche und Erfahrungen befindet man sich quasi im permanenten Lernprozess. Folglich fängt man auch an seine eigene Denkweise und sein bisheriges Handeln in Frage zustellen. (Mit dieser Aussage möchte ich auf keinen Fall den Eindruck vermitteln durch meinen Aufenthalt in Indien die Weisheit mit Löffeln gegessen zuhaben! Es gibt so vieles was es noch zu erfahren, zu sehen und zu lernen gibt. Diese Erfahrung machen wir hier täglich.) Die Persönlichkeitsentwicklung und das Aneignen von neuem Wissen resultieren somit zwangsläufige aus einem Freiwilligendienst im Ausland – und sind für die Nachhaltigkeit des eben diesen entscheidend.

Dabei kann sich dieser Effekt nach dem Freiwilligendienst in unterschiedlichen Formen wiederspiegeln. Sei es, dass man tatsächlich den beruflichen Weg in die Entwicklungsarbeit wählt, oder doch einen kommerziellen Werdegang einschlägt, sich aber dazu entscheidet von seinem Einkommen regelmäßig Geld an NGOs im Ausland oder gemeinnützige Organisationen in Deutschland zu spenden. Oder man engagiert sich neben dem Beruf auf Freiwilligenbasis in einem sozialen Projekt. Oder man entscheidet sich dazu sein Konsumverhalten zu ändern, fairen Handel zu unterstützen, auf nachhaltige Produkte zu setzen und verantwortungsbewusst mit Ressourcen, wie Wasser und Strom, und der Natur umzugehen.
Und wenn es nur das Teilen von Erfahrungen, Eindrücken und neu gewonnenen Erkenntnissen im Kreise der Familie, Freunden und Bekannten ist - Jedem Freiwilligen ist es selbst überlassen in welchem Ausmaß und in welcher Form er für die Nachhaltigkeit seines Freiwilligendienstes sorgt.

Abschließend kann ich also nicht sagen, ob das Geld in weltwärts nun generell sinnvoll investiert ist, da ich bei weitem nicht jeden weltwärts Freiwilligen persönlich kenne. Ich kann noch nicht einmal ganz genau sagen, wie mein Beitrag zur Nachhaltigkeit des weltwärts Programms nach meiner Rückkehr aussehen wird. Das weltwärts Programm als solches kann also nicht allgemein als "erfolgreich" oder "nachhaltig" beurteilt werden, sondern nur für jeden einzelnen Freiwilligen. Die Verantwortung liegt also in der Hand eines jeden Freiwilligen.


Wer noch mehr Meinungen über den Sinn und Wert des weltwärts Freiwilligendienstes aus Sicht von Freiwilligen lesen möchte, dem kann ich wärmstens die folgenden Beiträge meiner Mitfreiwilligen empfehlen.
Franzis Antwort auf einen Zeitungsartikel, der den weltwärts Freiwilligendienst kritisiert http://kks-pds-13.blogspot.de/2013/10/the-klarissa-issue_17.html und Paulinos Fazit nach dem zweiten und dritten Monat in Indien http://kks-vosard-2013.blogspot.de/2013_11_01_archive.html und
http://kks-vosard-2013.blogspot.de/2013/10/the-second-month-der-zweite-monat.html


(Rike)