Dienstag, 29. Oktober 2013

My Super Sweet (im wahrsten Sinne des Wortes) 20

Stille und Dunkelheit. Das Licht flackert kurz auf. Dann ein Grollen und Knallen. Für eine Millisekunde wird das Zimmer blitzartig erleuchtet.

Klingt wie der Anfang einer schlechten Horrorgeschichte? Ihr könnt beruhigt aufatmen. Ist nämlich nur ein Gewitter, welches einen gewöhnlichen Stromausfall mit sich bringt. Zum Glück bin ich mit vollem Netbookakku ausgestattet. Die Kleinen sind schon im Bett und die Großen lernen mal wieder bis in die Puppen. Da ich heute Abend mal ausnahmsweise nicht das Bedürfnis habe todmüde ins Bett zufallen, nutze ich die Gelegenheit um euch auf den neusten Stand der Dinge zu bringen. Da schießt mir unmittelbar der gleiche Gedanke wie so oft in den Kopf: Wo anfangen und wie den ganzen Eindrücken gerecht werden?
Deshalb beschränke ich mich mal auf ein relativ aktuelles Ereignis, das für mich persönlich etwas ganz besonderes war. Meine erste indische Geburstags-”Überraschungs”-Party.

Wir schreiben Sonntag, den 13.Oktober 2013. Es ist 17 Uhr. Nachdem wir den halben Tag mit den Mädels gebastelt und getanzt haben werde ich mit den Worten “You go! Take some rest, sister.” liebevoll ins Zimmer geschoben. Hmmmmmm, was ist denn hier los? Wollen die Mädchen heute etwa kein Radfahren? Und wieso soll Janina sich nicht ausruhen? Seeehr merkwürdig. 
Da sich jedoch die letzten Tage schon einige Mädchen verplappert haben und Yasotha heute ganz beiläufig erwähnt hat, dass wir ab 17 Uhr kein Programm mit den Mädels machen können, weil dann für meine Überraschungsparty dekoriert werden soll, ahne ich natürlich schon worum es geht. Seit ein paar Tagen sind die Mädchen nun schon total aufgeregt und erinnern mich mehrmals täglich daran, dass ich bald Geburtstag habe. Tatsächlich haben sie es geschafft mich mit ihrer Aufregung anzustecken und in den 4 Stunden, die ich brav im Zimmer absetzte, steigt meine Aufregung. Immerhin steht mein erster und vielleicht einziger indischer Geburtstag bevor.

Während ich brav im Zimmer warte wird unten dekoriert
Als ich dann zum Essen gerufen werden, kichern die Mädchen verschwörerisch, wenn sich unsere Blicke treffen. Nach dem Essen überlegen Janina und ich noch, ob wir bis 12 Uhr wach bleiben wollen. Da wir allerdings doch etwas erschöpft sind (Janina vom Dekorieren und ich vom ... Ausruhen), entscheiden wir uns zunächst dazu in meinen Geburtstag "rein zu schlafen". Das Angebot von Murugeshwari und Deepa, zwei der älteren Mädchen, mir ein Mehndi zu malen, kann ich dann allerdings doch nicht abschlagen. Zu indischen Feierlichkeiten darf diese traditionelle Körperbemalung nämlich nicht fehlen. Die beiden Mädchen sind noch dazu so talentiert, dass sie jeden professionellen Mehndi-Designer in den Schatten stellen. Deshalb heißt es nun 1 ½ Stunden still sitzen und den Arm hoch halten damit das Kunstwerk dem Perfektionismus der ehrgeizigen Murugeshwaris gerecht wird.

Jetzt muss das fertige Kunstwerk nur noch trocknen
Mit einem Blick auf die Uhr stellen wir fest, dass es in 15 Minuten auch schon 12 Uhr ist. Jetzt lohnt es sich natürlich auch nicht mehr schlafen zugehen. Als der Countdown beginnt versammeln sich alle Mädchen, die noch wach sind, um mich um zu singen. “Happy Birthday” gefolgt von “Happy long life” gefolgt von “Wie schön, dass du geboren bist” wird angestimmt. Kurze Zeit später falle ich mit einem Lächeln im Gesicht ins Bett.


Am nächsten Morgen werde ich von einem “Sisteeeer!” geweckt. Ich schaue neben mich, doch Janina ist wohl schon unten. Also rolle ich mich aus dem Bett und gehe zur Tür. Vor mir stehen Nithya, Punitha, Nandini und Arulakshmi, vier der jüngeren Mädchen, und begrüßen mich mit einem "Wish you happy birthday!". Ich werde aufgefordert mich zu Feier des Tages in Schale zuwerfen und einen Half-Sari zutragen. Zum Glück kommt Yasotha mir zur Hilfe, da meine Fähigkeiten einen Sari zu binden noch zu wünschen übrig lassen.
Auf dem Weg nach unten rieche ich schon den Duft von Waffeln, der unmittelbar ein Heimatgefühl bei mir auslöst. In der Küche sind einige der Mädchen und Janina schon fleißig am wirken. 

Janina backt Waffeln für rund 30 hungrige Münder
Auf die Frage, ob ich mithelfen kann werde ich mit den Worten, dass es noch einige Zeit dauern kann, ich aber an meinem Geburtstag nicht mithelfen soll, weggeschickt. Zum Glück sind gerade einige Mädchen dabei sich fertig zu machen, sodass ich mir die Zeit mit Haare flechten vertreiben kann.
Eine Stunde später bindet Punitha mir kichernd einen Schal um die Augen und Janina führt mich nach draußen.
In einem bunt dekorierten Raum werde ich von den Mädchen, Sankar, Seetha und einigen Mitarbeiter in Empfang genommen. Es gibt Zuckersüße Geburtstagstorte, mit der ich, ganz nach indischer Tradition, von jedem gefüttert werde. Waffeln mit Nutella und einige indische Süßspeisen werden verteilt, es wird wieder gesungen und die Mädchen lassen mich sogar schwungvoll, wie in alten Grundschulzeiten, hochleben. 







Nach der Feier ziehe ich mich erst mal um – ich bewundere die indischen Frauen, die jeden Tag den, im Alltag doch eher unpraktischen, Sari tragen. 
Den Rest des Tages wird immer wieder von den übrig gebliebenen Waffeln und Süßigkeiten genascht, während wir Tänze und ein Theaterstück für den Besuch, der in der kommenden Woche kommen soll, einstudieren. Später geht es auf den sogenannten “ground”, ein Sandplatz, auf dem wir fast täglich mit den Mädchen Radfahren und spielen.

Hier ein paar Eindrücke davon:
Radfahren
Dehnübungen
Der Ball hat seinen Einsatz als Baseball leider nicht überstanden
Am Ende des Tages ist mir von der Torte und den ganzen Süßigkeiten zwar etwas schlecht, aber ich bin glückselig. Alle haben dafür gesorgt, dass mein indischer Geburtstag wirklich etwas ganz besonderes und für mich unvergesslich wurde. Dafür nochmal ein herzliches "Nandri".


Das Wetter hat sich mittlerweile etwas beruhigt. Janina schläft schon tief und fest und sogar die Mädchen, die bis eben noch draußen ihre Texte für die Schule auswendig gelernt haben, sind jetzt im Bett. Dann sollte ich jetzt wohl auch mal wirklich schlafen gehen.

In diesem Sinne: Gute Nacht!
(Rike)



Samstag, 5. Oktober 2013

Ein Kurztrip ins Paradies

Es ist Samstag, der 28.09.2013 und in einer Stunde müssen wir uns gemeinsam mit Yasotha und den Mädchen auf den Weg zum  Zugbahnhof nach Coimbatore machen. Warum? Weil wir einen zweitägigen Ausflug nach Kanyakumari unternehmen. Dieser Ort liegt an der Südspitze Indiens, oder besser gesagt: er IST die Südspitze und gehört zum Bundesstaat Tamilnadu, grenzt aber an Kerala. Das besondere an Kanyakumari ist, dass sich dort drei Meere vereinen: Der Indische Ozean, der Golf von Bengalen und das Arabische Meer.

Nun aber erst einmal zum Hintergrund des Ganzen: In den letzten Wochen mussten die Mädchen sehr viel lernen, um wichtige Examen erfolgreich zu bestehen. Neben den gewohnten wöchentlichen sechs Tagen Schule von halb neun morgens bis 16 Uhr nachmittags, ging es für die älteren Mädchen direkt danach noch zu einem speziellen Nachhilfekurs bis ca. 20 Uhr abends. Anschließend mussten natürlich Hausaufgaben erledigt und gelernt werden. Viel Freizeit blieb für sie daher nicht übrig und auch die Zeit zum Spielen oder Fahrrad fahren war begrenzt. Mittlerweile haben die Mädchen ihre Examen hinter sich gebracht und jetzt heißt es für sie: 10 Tage schulfrei!
Um sie für ihr fleißiges Lernen zu belohnen und ihnen Zeit zum Entspannen zu geben, aber auch, um ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, neue, unbekannte Orte zu sehen, planen unser Direktor Sankar, seine Frau Seetha und einige weitere staff-members jedes Jahr zur selben Zeit einen ganz speziellen Ausflug. Dieses Jahr ist der Trip nach Kanyakumari vorgesehen, an dem auch Rike und ich teilnehmen dürfen. So viel also zu den Hintergrundinformationen.

Heute ist es wie gesagt soweit und die Vorfreude der Mädchen ist unbeschreiblich groß. Kein Wunder, denn für die meisten von ihnen ist es das erste Mal, dass sie das Meer sehen. Schon um 17 Uhr, d.h. eine Stunde bevor wir uns auf den Weg machen müssen, sitzen sie mit ihren gepackten Rucksäcken im Aufenthaltsraum des Abhaya Students Shelter und warten sehnsüchtig darauf, dass es endlich losgeht. Alle sind ganz aufgeregt, reden wild durcheinander, rennen auf uns zu uns rufen: “Sister, sister, today Kanyakumari going! I am very jolly!“ Aber auch Rike und ich freuen uns auf die kommenden zwei Tage und sind gespannt, was wir erleben werden. Nach einer kleinen Stärkung mit Cai-Tee und Idlis  (das sind kleine flach-runde "Reiskuchen") machen wir uns schließlich auf den Weg.


Zu Fuß geht es zur Bushaltestelle im Nachbarort.

Unser Zug fährt erst um 20.30 Uhr ab und normalerweise dauert die Busfahrt vom Abhaya Stundents Shelter zum Bahnhof nur knapp eine Stunde, aber heute sind die Straßen extrem überfüllt und es herrscht unglaublich viel Verkehr. Glücklicherweise haben wir so viel Zeit eingeplant, dass wir gerade noch rechtzeitig am Bahnhof ankommen. Dort werden wir auch sofort von den staff-members in Empfang genommen und darauf hingewiesen, dass der Zug bereits  startklar ist. Mit hektischen Schritten geht es also in Richtung Gleis, was aber alles andere als einfach ist, da auch der relativ große Bahnhof von Menschenmassen überfüllt ist. Nach knapp  zehn Minuten haben wir es aber geschafft: Wir steigen in den Zug und drängeln uns mit unserem Gepäck durch die schmalen Gänge zu unseren Sitz- bzw. Schlafplätzen. Auf den unbequemen, hellblauen Klappliegen, die zum Schlafen dienen, hat man nur sehr wenig Platz. Die Fenster sind die ganze Zeit über geöffnet, sodass uns der kühle Fahrtwind um die Ohren bläst. Der Zug ist laut und auch die Ventilatoren machen Lärm. Das scheinen  nicht gerade die günstigsten Bedingungen für eine ruhige, erholsame Nacht zu sein, aber da wir alle ziemlich müde sind, schlafen wir bald ein, sodass die 11-stündige Fahrt bis zur Ankunft am nächsten Morgen wie im Flug vergeht.

 29.09.2013, Tag 1

Am Bahnhof in Kanyakumari angekommen, teilen wir unsere 32-köpfige Gruppe auf, da wir mit Rikjas zur Unterkunft gebracht werden. Normalerweise passen in ein solch kleines Fahrzeug maximal fünf Leute, aber wir brauchen für unsere große Gruppe nur drei Rikjas. Rike und ich quetschen uns mit drei staff-members und sieben Mädchen samt Gepäck in eine Rikja und dann geht die wilde Fahrt auch schon los. Wir sind zwar völlig eingeengt und haben kaum Platz uns zu bewegen, aber das stört uns nicht. Viel zu sehr sind wir damit beschäftigt, die wunderschöne, grüne Landschaft Kanyakumaris zu bewundern. Nach knapp einer halben Stunde Fahrt erreichen wir die Unterkunft,  ein christliches Heim, das leider kaum mehr genutzt wird, aber dennoch sehr sauber und ordentlich ist. 
Ganz schön viel los!
Nachdem wir unsere Zimmer bezogen und gefrühstückt haben, machen wir uns alle gemeinsam auf den Weg zum Meer. Schon morgens ist auf den Straßen jede Menge los, da Kanyakumari ein sehr beliebtes Reiseziel  in Indien ist. Besonders bekannt ist der Ort für seine beiden Denkmäler, die sich ein paar hundert Meter von der Küste entfernt auf zwei Felsen befinden. Bei dem einen Denkmal handelt es sich um eine rund 40 Meter hohe Statue, die als Denkmal für den tamilischen Dichter Tiruvallur errichtet wurde und uns schon aus der Ferne ins Auge sticht. Auf dem anderen Fels befindet sich eine Art Tempeloase, das Vivekananda-Denkmal, das vor über 40 Jahren errichtet wurde und als Gedenkstätte für den indischen Philosophen Vivekananda dient. Mit der Fähre erreichen wir dieses Denkmal, besichtigen die Tempel, schauen hinaus auf das weite Meer und genießen die Aussicht.  Nicht nur die Mädchen, sondern auch wir sind begeistert von dem, was wir sehen und erleben dürfen.



Die imposante Tiruvallur-Statue
Einer der Tempel des
Vivekananda- Denkmals
Die Mädchen & im Hintergrund das Meer


Gegen Mittag gehen wir zurück zu unserer Unterkunft, um etwas zu essen und uns ein bisschen auszuruhen, was bei rund 35°C und purem Sonnenschein auf jeden Fall nötig ist. Abends machen wir uns schließlich wieder auf den Weg Richtung Meer und bewundern gemeinsam mit Hunderten von Menschen den Sonnenuntergang. Schon nach wenigen Minuten ist die Sonne verschwunden und es wird langsam dunkel.




Wir gehen weiter zum Strand und bis zu den Knien ins Wasser. Die Mädchen springen schreiend und lachend in die Luft, wenn eine Welle kommt. Angst scheinen sie keine zu haben, im Gegenteil. Sie haben unglaublich viel Spaß und genießen die Abkühlung in vollen Zügen – genau wir Rike und ich. Die Nacht bricht langsam an und wir machen wir uns auf den Weg zurück zur Unterkunft. Nach dem Abendessen fallen wir alle erschöpft in unsere Betten. Ein anstrengender, aber wunderschöner und unvergesslicher Tag geht zu Ende…


30.09.2013,Tag 2

Auch der zweite und letzte Tag in Kanyakumari bleibt für uns unvergesslich. Er beginnt um halb sechs Uhr morgens. Warum wir so früh aufstehen? Weil wir uns den Sonnenaufgang auf der Dachterrasse anschauen wollen. Wir hören schon die Mädchen nach uns rufen und steigen - noch halb verschlafen - die Stufen zur Dachterrasse hinauf. Noch ist es dunkel, aber es dauert nicht lange, bis die Sonne auftaucht und die Umgebung erhellt. Der Anblick ist wunderschön und das Aufstehen hat sich auf jeden Fall gelohnt!



Mindestens genauso schön wie der Sonnenuntergang am Vorabend!

Nach dem Frühstück werden wir von einem Kleinbus abgeholt, denn heute ist eine sight-seeing-tour geplant. Erster Halt: Der Thanumalayan Tempel in Suchindram, einem kleinen Ort im Süden Kanyakumaris. Dort werden die drei wichtigsten Götter,  Siva, Vishnu und Brahma, angebetet und zusammengeführt, was diesen Tempel zu etwas ganz Besonderem macht. Wir sind von der Fassade und Größe des Tempels beeindruckt, aber auch über die Götterskulpturen und hohen Säulen im Inneren können wir nur staunen. Dennoch fällt es uns manchmal immer noch schwer die Zeremonien des Hinduismus zu begreifen. Eine spannende, faszinierende und zugleich verwirrende Religion!




Nach der Tempelbesichtigung folgt zunächst eine knapp zweistündige Busfahrt. Unser nächstes Ziel ist das „Mathur Aceduct“. Dieses über dem Pahrali-Fluss erbaute Aquädukt ist das längste und höchste Südasiens und damit auch eine beliebte Touristenattraktion. Von der Brücke aus genießen wir den überwältigenden Ausblick und die Weite. Die Landschaft wirkt paradiesisch, irgendwie unwirklich.


Macht euch doch am besten selbst ein Bild davon:




Es folgt ein traditionelles Mittagessen, serviert auf einem Bananenblatt, und danach geht es auch schon weiter zur letzten, aber mit Abstand spaßigsten Attraktion: Die Tiraparappu Waterfalls. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um einen ca. 15 Meter hohen Wasserfall, gebildet von dem rund 90 Meter breiten Kodayar-Fluss. Wir sind aber nicht nur da, um die Landschaft und den Wasserfall zu bestaunen, sondern auch um uns zu erfrischen – genau das Richtige bei der Hitze. Samt Klamotten geht es also ins kühle Nass! :-)




Jetzt müssen unsere Klamotten
nur noch trocknen...






Im Hintergrund seht ihr die
Tiraparappu Waterfalls.
                                    
Nach einer Stärkung mit Cai-Tee und indischen Snacks machen wir uns auf den Weg zum Bus. Der Kurztrip ist vorbei und wir werden zum Bahnhof gebracht. Jetzt geht es leider schon wieder zurück nach Coimbatore. Wir haben in den zwei Tagen unglaublich viel Schönes erlebt und jede Menge Spaß mit den Mädchen gehabt, wofür wir sehr dankbar sind. Ein ganz besonderer Dank gilt an dieser Stelle Sankar und Seetha, die uns das Ganze überhaupt ermöglicht haben.

Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und konntet einen Eindruck vom Paradies Kanyakumari und unseren Erlebnissen gewinnen.

Bis bald und liebe Grüße in die Heimat!


(Janina)