Es ist Samstag, der 28.09.2013 und in einer Stunde müssen
wir uns gemeinsam mit Yasotha und den Mädchen auf den Weg zum Zugbahnhof nach Coimbatore machen. Warum?
Weil wir einen zweitägigen Ausflug nach Kanyakumari unternehmen. Dieser Ort
liegt an der Südspitze Indiens, oder besser gesagt: er IST die Südspitze und
gehört zum Bundesstaat Tamilnadu, grenzt aber an Kerala. Das besondere an
Kanyakumari ist, dass sich dort drei Meere vereinen: Der Indische Ozean, der
Golf von Bengalen und das Arabische Meer.
Nun aber erst einmal zum Hintergrund des Ganzen: In den
letzten Wochen mussten die Mädchen sehr viel lernen, um wichtige Examen
erfolgreich zu bestehen. Neben den gewohnten wöchentlichen sechs Tagen Schule
von halb neun morgens bis 16 Uhr nachmittags, ging es für die älteren Mädchen
direkt danach noch zu einem speziellen Nachhilfekurs bis ca. 20 Uhr abends. Anschließend
mussten natürlich Hausaufgaben erledigt und gelernt werden. Viel Freizeit blieb
für sie daher nicht übrig und auch die Zeit zum Spielen oder Fahrrad fahren war
begrenzt. Mittlerweile haben die Mädchen ihre Examen hinter sich gebracht und
jetzt heißt es für sie: 10 Tage
schulfrei!
Um sie für ihr fleißiges Lernen zu belohnen und ihnen Zeit
zum Entspannen zu geben, aber auch, um ihnen die Möglichkeit zu verschaffen,
neue, unbekannte Orte zu sehen, planen unser Direktor Sankar, seine Frau Seetha
und einige weitere staff-members jedes Jahr zur selben Zeit einen ganz
speziellen Ausflug. Dieses Jahr ist der Trip nach Kanyakumari vorgesehen, an
dem auch Rike und ich teilnehmen dürfen. So viel also zu den
Hintergrundinformationen.
Heute ist es wie gesagt soweit und die Vorfreude der Mädchen
ist unbeschreiblich groß. Kein Wunder, denn für die meisten von ihnen ist es
das erste Mal, dass sie das Meer sehen. Schon um 17 Uhr, d.h. eine Stunde bevor
wir uns auf den Weg machen müssen, sitzen sie mit ihren gepackten Rucksäcken im
Aufenthaltsraum des Abhaya Students Shelter und warten sehnsüchtig darauf, dass
es endlich losgeht. Alle sind ganz aufgeregt, reden wild durcheinander, rennen
auf uns zu uns rufen: “Sister, sister, today Kanyakumari going! I am very
jolly!“ Aber auch Rike und ich freuen uns auf die kommenden zwei Tage und sind
gespannt, was wir erleben werden. Nach einer kleinen Stärkung mit Cai-Tee und Idlis (das sind kleine flach-runde "Reiskuchen") machen wir uns schließlich auf
den Weg.
Unser Zug fährt
erst um 20.30 Uhr ab und normalerweise dauert die Busfahrt vom Abhaya Stundents
Shelter zum Bahnhof nur knapp eine Stunde, aber heute sind die Straßen extrem
überfüllt und es herrscht unglaublich viel Verkehr. Glücklicherweise haben wir
so viel Zeit eingeplant, dass wir gerade noch rechtzeitig am Bahnhof ankommen.
Dort werden wir auch sofort von den staff-members in Empfang genommen und
darauf hingewiesen, dass der Zug bereits startklar ist. Mit hektischen Schritten geht
es also in Richtung Gleis, was aber alles andere als einfach ist, da auch der
relativ große Bahnhof von Menschenmassen überfüllt ist. Nach knapp zehn Minuten haben wir es aber geschafft: Wir
steigen in den Zug und drängeln uns mit unserem Gepäck durch die schmalen Gänge
zu unseren Sitz- bzw. Schlafplätzen. Auf den unbequemen, hellblauen
Klappliegen, die zum Schlafen dienen, hat man nur sehr wenig Platz. Die
Fenster sind die ganze Zeit über geöffnet, sodass uns der kühle Fahrtwind um
die Ohren bläst. Der Zug ist laut und auch die Ventilatoren machen Lärm. Das scheinen nicht
gerade die günstigsten Bedingungen für eine ruhige, erholsame Nacht zu sein,
aber da wir alle ziemlich müde sind, schlafen wir bald ein, sodass die
11-stündige Fahrt bis zur Ankunft am nächsten Morgen wie im Flug vergeht.
29.09.2013, Tag 1
Am Bahnhof in Kanyakumari angekommen, teilen wir unsere 32-köpfige
Gruppe auf, da wir mit Rikjas zur Unterkunft gebracht werden. Normalerweise passen
in ein solch kleines Fahrzeug maximal fünf Leute, aber wir brauchen für unsere
große Gruppe nur drei Rikjas. Rike und ich quetschen uns mit drei staff-members
und sieben Mädchen samt Gepäck in eine Rikja und dann geht die wilde Fahrt auch
schon los. Wir sind zwar völlig eingeengt und haben kaum Platz uns zu bewegen,
aber das stört uns nicht. Viel zu sehr sind wir damit beschäftigt, die
wunderschöne, grüne Landschaft Kanyakumaris zu bewundern. Nach knapp einer
halben Stunde Fahrt erreichen wir die Unterkunft, ein christliches Heim, das leider kaum mehr
genutzt wird, aber dennoch sehr sauber und ordentlich ist.
Nachdem wir unsere
Zimmer bezogen und gefrühstückt haben, machen wir uns alle gemeinsam auf den
Weg zum Meer. Schon morgens ist auf den Straßen jede Menge los, da Kanyakumari
ein sehr beliebtes Reiseziel in Indien
ist. Besonders bekannt ist der Ort für seine beiden Denkmäler, die sich ein paar
hundert Meter von der Küste entfernt auf zwei Felsen befinden. Bei dem einen
Denkmal handelt es sich um eine rund 40 Meter hohe Statue, die als Denkmal für
den tamilischen Dichter Tiruvallur errichtet wurde und uns schon aus der Ferne
ins Auge sticht. Auf dem anderen Fels befindet sich eine Art Tempeloase, das
Vivekananda-Denkmal, das vor über 40 Jahren errichtet wurde und als
Gedenkstätte für den indischen Philosophen Vivekananda dient. Mit der Fähre
erreichen wir dieses Denkmal, besichtigen die Tempel, schauen hinaus auf das
weite Meer und genießen die Aussicht.
Nicht nur die Mädchen, sondern auch wir sind begeistert von dem, was wir
sehen und erleben dürfen.
| Ganz schön viel los! |
| Die imposante Tiruvallur-Statue |
| Einer der Tempel des Vivekananda- Denkmals |
| Die Mädchen & im Hintergrund das Meer |
Gegen Mittag gehen wir zurück zu unserer Unterkunft, um
etwas zu essen und uns ein bisschen auszuruhen, was bei rund 35°C und purem
Sonnenschein auf jeden Fall nötig ist. Abends machen wir uns schließlich wieder
auf den Weg Richtung Meer und bewundern gemeinsam mit Hunderten von Menschen
den Sonnenuntergang. Schon nach wenigen Minuten ist die Sonne verschwunden und
es wird langsam dunkel.
Wir gehen weiter zum Strand und bis zu den Knien ins Wasser. Die Mädchen springen
schreiend und lachend in die Luft, wenn eine Welle kommt. Angst scheinen sie
keine zu haben, im Gegenteil. Sie haben unglaublich viel Spaß und genießen die
Abkühlung in vollen Zügen – genau wir Rike und ich. Die Nacht bricht langsam an
und wir machen wir uns auf den Weg zurück zur Unterkunft. Nach dem
Abendessen fallen wir alle erschöpft in unsere Betten. Ein anstrengender, aber
wunderschöner und unvergesslicher Tag geht zu Ende…
30.09.2013,Tag 2
Auch der zweite und letzte Tag in Kanyakumari bleibt für uns
unvergesslich. Er beginnt um halb sechs Uhr morgens. Warum wir so früh
aufstehen? Weil wir uns den Sonnenaufgang auf der Dachterrasse anschauen
wollen. Wir hören schon die Mädchen nach uns rufen und steigen - noch halb
verschlafen - die Stufen zur Dachterrasse hinauf. Noch ist es dunkel, aber es
dauert nicht lange, bis die Sonne auftaucht und die Umgebung erhellt. Der
Anblick ist wunderschön und das Aufstehen hat sich auf jeden Fall gelohnt!
Nach dem Frühstück werden wir von einem Kleinbus abgeholt,
denn heute ist eine sight-seeing-tour geplant. Erster Halt: Der Thanumalayan
Tempel in Suchindram, einem kleinen Ort im Süden Kanyakumaris. Dort werden die
drei wichtigsten Götter, Siva, Vishnu
und Brahma, angebetet und zusammengeführt, was diesen Tempel zu etwas ganz Besonderem
macht. Wir sind von der Fassade und Größe des Tempels beeindruckt, aber auch über
die Götterskulpturen und hohen Säulen im Inneren können wir nur staunen.
Dennoch fällt es uns manchmal immer noch schwer die Zeremonien des Hinduismus zu
begreifen. Eine spannende, faszinierende und zugleich verwirrende Religion!
Nach der Tempelbesichtigung folgt zunächst eine knapp zweistündige
Busfahrt. Unser nächstes Ziel ist das „Mathur Aceduct“. Dieses über dem
Pahrali-Fluss erbaute Aquädukt ist das längste und höchste Südasiens und damit
auch eine beliebte Touristenattraktion. Von der Brücke aus genießen wir den
überwältigenden Ausblick und die Weite. Die Landschaft wirkt paradiesisch, irgendwie
unwirklich.
Es folgt ein traditionelles Mittagessen, serviert auf einem
Bananenblatt, und danach geht es auch schon weiter zur letzten, aber mit Abstand
spaßigsten Attraktion: Die Tiraparappu Waterfalls. Wie der Name schon sagt,
handelt es sich hierbei um einen ca. 15 Meter hohen Wasserfall, gebildet von
dem rund 90 Meter breiten Kodayar-Fluss. Wir sind aber nicht nur da, um die
Landschaft und den Wasserfall zu bestaunen, sondern auch um uns zu erfrischen –
genau das Richtige bei der Hitze. Samt Klamotten geht es also ins kühle Nass! :-)
| Jetzt müssen unsere Klamotten nur noch trocknen... |
Nach einer Stärkung mit Cai-Tee und indischen Snacks machen
wir uns auf den Weg zum Bus. Der Kurztrip ist vorbei und wir werden zum Bahnhof
gebracht. Jetzt geht es leider schon wieder zurück nach Coimbatore. Wir haben
in den zwei Tagen unglaublich viel Schönes erlebt und jede Menge Spaß mit den
Mädchen gehabt, wofür wir sehr dankbar sind. Ein ganz besonderer Dank gilt an
dieser Stelle Sankar und Seetha, die uns das Ganze überhaupt ermöglicht haben.
Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und konntet einen
Eindruck vom Paradies Kanyakumari und unseren Erlebnissen gewinnen.
Bis bald und liebe Grüße in die Heimat!
(Janina)
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