Samstag, 5. Oktober 2013

Ein Kurztrip ins Paradies

Es ist Samstag, der 28.09.2013 und in einer Stunde müssen wir uns gemeinsam mit Yasotha und den Mädchen auf den Weg zum  Zugbahnhof nach Coimbatore machen. Warum? Weil wir einen zweitägigen Ausflug nach Kanyakumari unternehmen. Dieser Ort liegt an der Südspitze Indiens, oder besser gesagt: er IST die Südspitze und gehört zum Bundesstaat Tamilnadu, grenzt aber an Kerala. Das besondere an Kanyakumari ist, dass sich dort drei Meere vereinen: Der Indische Ozean, der Golf von Bengalen und das Arabische Meer.

Nun aber erst einmal zum Hintergrund des Ganzen: In den letzten Wochen mussten die Mädchen sehr viel lernen, um wichtige Examen erfolgreich zu bestehen. Neben den gewohnten wöchentlichen sechs Tagen Schule von halb neun morgens bis 16 Uhr nachmittags, ging es für die älteren Mädchen direkt danach noch zu einem speziellen Nachhilfekurs bis ca. 20 Uhr abends. Anschließend mussten natürlich Hausaufgaben erledigt und gelernt werden. Viel Freizeit blieb für sie daher nicht übrig und auch die Zeit zum Spielen oder Fahrrad fahren war begrenzt. Mittlerweile haben die Mädchen ihre Examen hinter sich gebracht und jetzt heißt es für sie: 10 Tage schulfrei!
Um sie für ihr fleißiges Lernen zu belohnen und ihnen Zeit zum Entspannen zu geben, aber auch, um ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, neue, unbekannte Orte zu sehen, planen unser Direktor Sankar, seine Frau Seetha und einige weitere staff-members jedes Jahr zur selben Zeit einen ganz speziellen Ausflug. Dieses Jahr ist der Trip nach Kanyakumari vorgesehen, an dem auch Rike und ich teilnehmen dürfen. So viel also zu den Hintergrundinformationen.

Heute ist es wie gesagt soweit und die Vorfreude der Mädchen ist unbeschreiblich groß. Kein Wunder, denn für die meisten von ihnen ist es das erste Mal, dass sie das Meer sehen. Schon um 17 Uhr, d.h. eine Stunde bevor wir uns auf den Weg machen müssen, sitzen sie mit ihren gepackten Rucksäcken im Aufenthaltsraum des Abhaya Students Shelter und warten sehnsüchtig darauf, dass es endlich losgeht. Alle sind ganz aufgeregt, reden wild durcheinander, rennen auf uns zu uns rufen: “Sister, sister, today Kanyakumari going! I am very jolly!“ Aber auch Rike und ich freuen uns auf die kommenden zwei Tage und sind gespannt, was wir erleben werden. Nach einer kleinen Stärkung mit Cai-Tee und Idlis  (das sind kleine flach-runde "Reiskuchen") machen wir uns schließlich auf den Weg.


Zu Fuß geht es zur Bushaltestelle im Nachbarort.

Unser Zug fährt erst um 20.30 Uhr ab und normalerweise dauert die Busfahrt vom Abhaya Stundents Shelter zum Bahnhof nur knapp eine Stunde, aber heute sind die Straßen extrem überfüllt und es herrscht unglaublich viel Verkehr. Glücklicherweise haben wir so viel Zeit eingeplant, dass wir gerade noch rechtzeitig am Bahnhof ankommen. Dort werden wir auch sofort von den staff-members in Empfang genommen und darauf hingewiesen, dass der Zug bereits  startklar ist. Mit hektischen Schritten geht es also in Richtung Gleis, was aber alles andere als einfach ist, da auch der relativ große Bahnhof von Menschenmassen überfüllt ist. Nach knapp  zehn Minuten haben wir es aber geschafft: Wir steigen in den Zug und drängeln uns mit unserem Gepäck durch die schmalen Gänge zu unseren Sitz- bzw. Schlafplätzen. Auf den unbequemen, hellblauen Klappliegen, die zum Schlafen dienen, hat man nur sehr wenig Platz. Die Fenster sind die ganze Zeit über geöffnet, sodass uns der kühle Fahrtwind um die Ohren bläst. Der Zug ist laut und auch die Ventilatoren machen Lärm. Das scheinen  nicht gerade die günstigsten Bedingungen für eine ruhige, erholsame Nacht zu sein, aber da wir alle ziemlich müde sind, schlafen wir bald ein, sodass die 11-stündige Fahrt bis zur Ankunft am nächsten Morgen wie im Flug vergeht.

 29.09.2013, Tag 1

Am Bahnhof in Kanyakumari angekommen, teilen wir unsere 32-köpfige Gruppe auf, da wir mit Rikjas zur Unterkunft gebracht werden. Normalerweise passen in ein solch kleines Fahrzeug maximal fünf Leute, aber wir brauchen für unsere große Gruppe nur drei Rikjas. Rike und ich quetschen uns mit drei staff-members und sieben Mädchen samt Gepäck in eine Rikja und dann geht die wilde Fahrt auch schon los. Wir sind zwar völlig eingeengt und haben kaum Platz uns zu bewegen, aber das stört uns nicht. Viel zu sehr sind wir damit beschäftigt, die wunderschöne, grüne Landschaft Kanyakumaris zu bewundern. Nach knapp einer halben Stunde Fahrt erreichen wir die Unterkunft,  ein christliches Heim, das leider kaum mehr genutzt wird, aber dennoch sehr sauber und ordentlich ist. 
Ganz schön viel los!
Nachdem wir unsere Zimmer bezogen und gefrühstückt haben, machen wir uns alle gemeinsam auf den Weg zum Meer. Schon morgens ist auf den Straßen jede Menge los, da Kanyakumari ein sehr beliebtes Reiseziel  in Indien ist. Besonders bekannt ist der Ort für seine beiden Denkmäler, die sich ein paar hundert Meter von der Küste entfernt auf zwei Felsen befinden. Bei dem einen Denkmal handelt es sich um eine rund 40 Meter hohe Statue, die als Denkmal für den tamilischen Dichter Tiruvallur errichtet wurde und uns schon aus der Ferne ins Auge sticht. Auf dem anderen Fels befindet sich eine Art Tempeloase, das Vivekananda-Denkmal, das vor über 40 Jahren errichtet wurde und als Gedenkstätte für den indischen Philosophen Vivekananda dient. Mit der Fähre erreichen wir dieses Denkmal, besichtigen die Tempel, schauen hinaus auf das weite Meer und genießen die Aussicht.  Nicht nur die Mädchen, sondern auch wir sind begeistert von dem, was wir sehen und erleben dürfen.



Die imposante Tiruvallur-Statue
Einer der Tempel des
Vivekananda- Denkmals
Die Mädchen & im Hintergrund das Meer


Gegen Mittag gehen wir zurück zu unserer Unterkunft, um etwas zu essen und uns ein bisschen auszuruhen, was bei rund 35°C und purem Sonnenschein auf jeden Fall nötig ist. Abends machen wir uns schließlich wieder auf den Weg Richtung Meer und bewundern gemeinsam mit Hunderten von Menschen den Sonnenuntergang. Schon nach wenigen Minuten ist die Sonne verschwunden und es wird langsam dunkel.




Wir gehen weiter zum Strand und bis zu den Knien ins Wasser. Die Mädchen springen schreiend und lachend in die Luft, wenn eine Welle kommt. Angst scheinen sie keine zu haben, im Gegenteil. Sie haben unglaublich viel Spaß und genießen die Abkühlung in vollen Zügen – genau wir Rike und ich. Die Nacht bricht langsam an und wir machen wir uns auf den Weg zurück zur Unterkunft. Nach dem Abendessen fallen wir alle erschöpft in unsere Betten. Ein anstrengender, aber wunderschöner und unvergesslicher Tag geht zu Ende…


30.09.2013,Tag 2

Auch der zweite und letzte Tag in Kanyakumari bleibt für uns unvergesslich. Er beginnt um halb sechs Uhr morgens. Warum wir so früh aufstehen? Weil wir uns den Sonnenaufgang auf der Dachterrasse anschauen wollen. Wir hören schon die Mädchen nach uns rufen und steigen - noch halb verschlafen - die Stufen zur Dachterrasse hinauf. Noch ist es dunkel, aber es dauert nicht lange, bis die Sonne auftaucht und die Umgebung erhellt. Der Anblick ist wunderschön und das Aufstehen hat sich auf jeden Fall gelohnt!



Mindestens genauso schön wie der Sonnenuntergang am Vorabend!

Nach dem Frühstück werden wir von einem Kleinbus abgeholt, denn heute ist eine sight-seeing-tour geplant. Erster Halt: Der Thanumalayan Tempel in Suchindram, einem kleinen Ort im Süden Kanyakumaris. Dort werden die drei wichtigsten Götter,  Siva, Vishnu und Brahma, angebetet und zusammengeführt, was diesen Tempel zu etwas ganz Besonderem macht. Wir sind von der Fassade und Größe des Tempels beeindruckt, aber auch über die Götterskulpturen und hohen Säulen im Inneren können wir nur staunen. Dennoch fällt es uns manchmal immer noch schwer die Zeremonien des Hinduismus zu begreifen. Eine spannende, faszinierende und zugleich verwirrende Religion!




Nach der Tempelbesichtigung folgt zunächst eine knapp zweistündige Busfahrt. Unser nächstes Ziel ist das „Mathur Aceduct“. Dieses über dem Pahrali-Fluss erbaute Aquädukt ist das längste und höchste Südasiens und damit auch eine beliebte Touristenattraktion. Von der Brücke aus genießen wir den überwältigenden Ausblick und die Weite. Die Landschaft wirkt paradiesisch, irgendwie unwirklich.


Macht euch doch am besten selbst ein Bild davon:




Es folgt ein traditionelles Mittagessen, serviert auf einem Bananenblatt, und danach geht es auch schon weiter zur letzten, aber mit Abstand spaßigsten Attraktion: Die Tiraparappu Waterfalls. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um einen ca. 15 Meter hohen Wasserfall, gebildet von dem rund 90 Meter breiten Kodayar-Fluss. Wir sind aber nicht nur da, um die Landschaft und den Wasserfall zu bestaunen, sondern auch um uns zu erfrischen – genau das Richtige bei der Hitze. Samt Klamotten geht es also ins kühle Nass! :-)




Jetzt müssen unsere Klamotten
nur noch trocknen...






Im Hintergrund seht ihr die
Tiraparappu Waterfalls.
                                    
Nach einer Stärkung mit Cai-Tee und indischen Snacks machen wir uns auf den Weg zum Bus. Der Kurztrip ist vorbei und wir werden zum Bahnhof gebracht. Jetzt geht es leider schon wieder zurück nach Coimbatore. Wir haben in den zwei Tagen unglaublich viel Schönes erlebt und jede Menge Spaß mit den Mädchen gehabt, wofür wir sehr dankbar sind. Ein ganz besonderer Dank gilt an dieser Stelle Sankar und Seetha, die uns das Ganze überhaupt ermöglicht haben.

Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und konntet einen Eindruck vom Paradies Kanyakumari und unseren Erlebnissen gewinnen.

Bis bald und liebe Grüße in die Heimat!


(Janina)

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