Kokospalmen,
Reisfelder, Seen, Flüsse und sogar kleine Wasserfälle ziehen an uns vorbei.
Unsere neue Arbeitsstelle Pollachi begeistert mit seiner grünen Natur, die eindeutig
von der aktuellen Monsunzeit profitiert, und den Western Ghats die stets den
Hintergrund der Landschaft zieren. Die 2 ½ Stunden Anreise mit dem Bus haben
sich jetzt schon gelohnt – davon sind wir fest überzeugt.
Hier könnt ihr euch selber ein Bild von der Landschaft machen
Dass wir jedoch nicht
nach Pollachi gekommen sind, um die Natur zu genießen, ist uns natürlich bewusst.
Welche beeindruckenden Familienschicksale in dieser paradiesischen Umgebung zu
finden sind, wird uns bald vor Augen geführt, als wir in die erste Slumarea, ein
kleines Dorf namens Poovalaparuthiyur fahren. Wir kommen an einem kleinen Haus
an und werden von Sarasvati, einer mittvierzigjährigen Frau, in Empfang
genommen. Hinter ihrem besorgten und erschöpften Blick lässt sich eine schwere
Vergangenheit erahnen. Mit 8 Jahren wurde Sarasvati von ihren Eltern
verheiratet und bekam 5 Jahre später ihren ersten Sohn Paramasivan. Um seine
Geschichte zu dokumentieren sind wir hier.
Sarasvati und
Paramasivan sind eine von rund 740 Familien des “Care and Support of HIV/AIDS
infected and affected people & HIV prevention” (CaSP) Projektes, die von
NMCT unterstützt werden. Ziel des Projektes ist es, Familien, die vom HI-Virus
betroffen sind, zu unterstützen und der weiteren Verbreitung von HIV in der
Region Pollachi vorzubeugen.
Paramasivan
ist 30 Jahre alt und HIV positiv. Vor zwei Monaten wurde NMCT auf ihn
aufmerksam und unterstützt ihn seither. Trainingsprogramme sollen ihm neuen
Lebensmut geben und gesunde
Nahrungsmittel, Vitamintabletten und Schmerzmittel sollen sein Immunsystem
unterstützen und den Nebenwirkungen wie Allergien, Magenbeschwerden und
Hörprobleme, welche von der ART Medizin verursacht werden, abmildern. Obwohl er
dankbar für die Unterstützung durch NMCT und die Hilfe seiner Mutter ist, ist
er enttäuscht von seinen Freunden, die ihn, seitdem sie von seiner Aids-Erkrankung
erfahren haben, nicht mehr besuchen und den Kontakt abgebrochen haben.
In den
weitere Familien, die wir besuchen, machen wir ähnliche Erfahrungen.
Diskriminierung von Aids-Erkrankten wird in Indien nicht selten öffentlich
ausgeübt. Bei einigen Hausbesuchen müssen wir uns sogar flüsternd unterhalten,
da manche Familien die Erkrankung vor ihren Nachbarn geheim halten. Eine Frau
sagt uns sogar, dass sie nicht einmal ihren erwachsenen Kindern von ihrer
HIV-Infektion erzählt.
Eine
besondere Begegnung machen wir in einem Dorf in Süd-Pollachi, wo wir Reka
treffen. Reka ist 45 Jahre alt und lebt in einem Haus aus Palmenblättern,
welches sie selber mit ihrem Mann gebaut hat, wie sie uns stolz erzählt. Als
Janina und ich sie das erste Mal sehen, zieht sie uns sofort mit ihrem offenen
Lächeln und ihrer mütterlichen Art in ihren Bann. Auf den ersten Blick scheint Reka
eine gewöhnliche, herzliche Frau zu sein. Ihre Bewegungen und Gesten sind
weiblich und grazil, ihre Gesichtszüge fein. Lediglich ihre tiefe Stimme und
Körpergröße deuten daraufhin, dass sie keine gewöhnliche Frau ist. Mit 16
Jahren entschied sich Reka dazu, sich zur Frau um operieren zu lassen. Schon als
Kind hatte sie das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein.
Transgenders
wie Reka haben in Indien einen zwiespaltigen Ruf. Zum einen haben sie einen
kultischen Sonderstatus und werden zu Taufen, Hochzeiten und anderen
Festlichkeiten eingeladen, um dort zu tanzen und zu singen. Auf der anderen
Seite werden sie vom Großteil der indischen Gesellschaft wie outcasts behandelt
und diskriminiert. Erstaunlicherweise wird Reka jedoch in ihrem Dorf als Frau
akzeptiert und von ihrer Familie unterstützt. Ihre HIV-Erkrankung hält sie
aber, ebenso wie viele andere Infizierte, geheim.
Umso mehr
überrascht es uns positiv, als wir Selvi kennen lernen. Sie lebt gemeinsam mit
ihren beiden Söhnen in einem kleinen Dorf in Kinatukadavu. Strahlend erzählt
sie uns die junge Frau, dass ihre Nachbarn ihr sowohl emotionalen, als auch
finanziellen Halt geben. In unserem Gespräch lacht sie viel und auch als Valla
(eine Mitarbeiterin von NMCT, die uns als Dolmetscherin in die Slums begleitet)
nicht zum Übersetzen in Reichweite ist, vergisst sie, dass wir kein Tamil
sprechen und redet, stets mit strahlendem Gesicht, auf uns ein. Die
Unterstützung durch ihre Nachbarn war jedoch auch in Selvis Fall nicht
selbstverständlich. In der Anfangsphase ihrer Erkrankung wurde auch sie von
ihrem Umfeld ausgeschlossen und diskriminiert. Durch ihren offenen Umgang mit
ihrer Erkrankung und sicherlich auch mit ihrer herzlichen und starken
Ausstrahlung hat sie ihr Umfeld umstimmen können und somit zumindest in ihrem
Dorf ein aufgeklärteres Bewusstsein für und einen sensibleren Umgang mit dem
Thema HIV geschaffen.
Familien des CaSP projects vor ihrem zu Hause
Hier mit zwei NMCT Mitarbeitern (rechts)
Dies sind nur
einige der vielen Familiengeschichten, die wir in den letzten Tagen gehört
haben. Die Geschichten, die uns erzählt werden, sind bewegend und ergreifend.
Trotzdem erleben wir mit den Familien viele schöne Momente, in denen auch
gelacht wird. Ich bin auch immer wieder aufs Neue von der indischen
Gastfreundschaft überwältigt. Obwohl das Essen für die Familien im Slum oft
gerade mal so zum Überleben reicht, bieten sie uns Snacks und Getränke an.
Das Leben im
Slum schockiert zwar auf der einen Seite, auf der anderen Seite jedoch
fasziniert der Umgang der Menschen mit ihren Lebensumständen. Fünf-köpfige
Familien leben in kleinen Hütten, deren Dächer nicht einmal wasserdicht sind.
Viele leben am Existenzminimum, haben nicht einmal ein Bett. Lediglich ein Mixer,
ein Ventilator und ein Fernseher sind in jedem Zuhause zu finden, da diese
Geräte von der Regierung kostenlos für jede Familie bereitgestellt werden -
elektronische Geräte, die in Slumgebieten, wo es nicht einmal Zugang zu Strom
gibt, überlebenswichtig sind.
Die Menschen,
gefangen in den traditionellen Strukturen der indischen Gesellschaft, sind
deshalb auf ihre gegenseitige Unterstützung angewiesen. Zwar sind die
Schattenseiten der traditionellen Lebensweise noch immer präsent, wie zum
Beispiel die Rolle der unterdrückten und vom Ehemann abhängigen Frau. Von einem
anderen Blickwinkel betrachtet ist der traditionelle, starke
Familienzusammenhalt, der nicht nur aus ökonomischer Sicht gesehen für viele
Familien sehr wichtig ist, besonders wertvoll. Auch ist es schön zu sehen, dass
es mittlerweile immer mehr Eltern in Slumgebieten bewusst wird, wie wichtig
Bildung ist und sie hart dafür arbeiten, dass ihre Kinder zur Schule gehen
können. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Fälle, in denen Eltern, zum
Beispiel wenn sie an HIV erkrankt sind, auf die finanzielle Unterstützung durch
ihre Kinder angewiesen sind. Es gibt Kinder, die ihre Eltern unter allen
Umständen unterstützen wollen und deshalb mit 10 Jahren die Schule abbrechen um
zu arbeiten. Ihre Eltern verzweifeln daran, weil auch sie eine gute Zukunft für
ihre Kinder wollen, haben jedoch oft keine Alternative. Die Unterstützung durch
Organisationen wie NMCT spielt hier eine entscheidende Rolle, um den Familien
die Chance auf ein besseres Leben und den Kindern eine sichere Zukunft zu
geben.
Jede Familie
hat ihre eigene, besondere Geschichte zu erzählen und wir fühlen uns geehrt,
dass wir die Aufgabe bekommen haben, ihre Geschichten zu dokumentieren. Die
case studies der Familien sollen wir, nachdem wir mit den Hausbesuchen fertig
sind, in einem booklet festhalten. Bis dahin werden wir in den kommenden Wochen
noch einige Male nach Pollachi fahren, um weitere Familien kennen zulernen. Darauf freuen wir uns schon sehr!
(Rike)
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