Freitag, 27. September 2013

Beeindruckende Begegnungen in Pollachi

Kokospalmen, Reisfelder, Seen, Flüsse und sogar kleine Wasserfälle ziehen an uns vorbei. Unsere neue Arbeitsstelle Pollachi begeistert mit seiner grünen Natur, die eindeutig von der aktuellen Monsunzeit profitiert, und den Western Ghats die stets den Hintergrund der Landschaft zieren. Die 2 ½ Stunden Anreise mit dem Bus haben sich jetzt schon gelohnt – davon sind wir fest überzeugt.


Hier könnt ihr euch selber ein Bild von der Landschaft machen





Dass wir jedoch nicht nach Pollachi gekommen sind, um die Natur zu genießen, ist uns natürlich bewusst. Welche beeindruckenden Familienschicksale in dieser paradiesischen Umgebung zu finden sind, wird uns bald vor Augen geführt, als wir in die erste Slumarea, ein kleines Dorf namens Poovalaparuthiyur fahren. Wir kommen an einem kleinen Haus an und werden von Sarasvati, einer mittvierzigjährigen Frau, in Empfang genommen. Hinter ihrem besorgten und erschöpften Blick lässt sich eine schwere Vergangenheit erahnen. Mit 8 Jahren wurde Sarasvati von ihren Eltern verheiratet und bekam 5 Jahre später ihren ersten Sohn Paramasivan. Um seine Geschichte zu dokumentieren sind wir hier.

Sarasvati und Paramasivan sind eine von rund 740 Familien des “Care and Support of HIV/AIDS infected and affected people & HIV prevention” (CaSP) Projektes, die von NMCT unterstützt werden. Ziel des Projektes ist es, Familien, die vom HI-Virus betroffen sind, zu unterstützen und der weiteren Verbreitung von HIV in der Region Pollachi vorzubeugen.
Paramasivan ist 30 Jahre alt und HIV positiv. Vor zwei Monaten wurde NMCT auf ihn aufmerksam und unterstützt ihn seither. Trainingsprogramme sollen ihm neuen Lebensmut geben und  gesunde Nahrungsmittel, Vitamintabletten und Schmerzmittel sollen sein Immunsystem unterstützen und den Nebenwirkungen wie Allergien, Magenbeschwerden und Hörprobleme, welche von der ART Medizin verursacht werden, abmildern. Obwohl er dankbar für die Unterstützung durch NMCT und die Hilfe seiner Mutter ist, ist er enttäuscht von seinen Freunden, die ihn, seitdem sie von seiner Aids-Erkrankung erfahren haben, nicht mehr besuchen und den Kontakt abgebrochen haben.

In den weitere Familien, die wir besuchen, machen wir ähnliche Erfahrungen. Diskriminierung von Aids-Erkrankten wird in Indien nicht selten öffentlich ausgeübt. Bei einigen Hausbesuchen müssen wir uns sogar flüsternd unterhalten, da manche Familien die Erkrankung vor ihren Nachbarn geheim halten. Eine Frau sagt uns sogar, dass sie nicht einmal ihren erwachsenen Kindern von ihrer HIV-Infektion erzählt.

Eine besondere Begegnung machen wir in einem Dorf in Süd-Pollachi, wo wir Reka treffen. Reka ist 45 Jahre alt und lebt in einem Haus aus Palmenblättern, welches sie selber mit ihrem Mann gebaut hat, wie sie uns stolz erzählt. Als Janina und ich sie das erste Mal sehen, zieht sie uns sofort mit ihrem offenen Lächeln und ihrer mütterlichen Art in ihren Bann. Auf den ersten Blick scheint Reka eine gewöhnliche, herzliche Frau zu sein. Ihre Bewegungen und Gesten sind weiblich und grazil, ihre Gesichtszüge fein. Lediglich ihre tiefe Stimme und Körpergröße deuten daraufhin, dass sie keine gewöhnliche Frau ist. Mit 16 Jahren entschied sich Reka dazu, sich zur Frau um operieren zu lassen. Schon als Kind hatte sie das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein.
Transgenders wie Reka haben in Indien einen zwiespaltigen Ruf. Zum einen haben sie einen kultischen Sonderstatus und werden zu Taufen, Hochzeiten und anderen Festlichkeiten eingeladen, um dort zu tanzen und zu singen. Auf der anderen Seite werden sie vom Großteil der indischen Gesellschaft wie outcasts behandelt und diskriminiert. Erstaunlicherweise wird Reka jedoch in ihrem Dorf als Frau akzeptiert und von ihrer Familie unterstützt. Ihre HIV-Erkrankung hält sie aber, ebenso wie viele andere Infizierte, geheim.

Umso mehr überrascht es uns positiv, als wir Selvi kennen lernen. Sie lebt gemeinsam mit ihren beiden Söhnen in einem kleinen Dorf in Kinatukadavu. Strahlend erzählt sie uns die junge Frau, dass ihre Nachbarn ihr sowohl emotionalen, als auch finanziellen Halt geben. In unserem Gespräch lacht sie viel und auch als Valla (eine Mitarbeiterin von NMCT, die uns als Dolmetscherin in die Slums begleitet) nicht zum Übersetzen in Reichweite ist, vergisst sie, dass wir kein Tamil sprechen und redet, stets mit strahlendem Gesicht, auf uns ein. Die Unterstützung durch ihre Nachbarn war jedoch auch in Selvis Fall nicht selbstverständlich. In der Anfangsphase ihrer Erkrankung wurde auch sie von ihrem Umfeld ausgeschlossen und diskriminiert. Durch ihren offenen Umgang mit ihrer Erkrankung und sicherlich auch mit ihrer herzlichen und starken Ausstrahlung hat sie ihr Umfeld umstimmen können und somit zumindest in ihrem Dorf ein aufgeklärteres Bewusstsein für und einen sensibleren Umgang mit dem Thema HIV geschaffen.


Und hier ein paar Eindrücke aus dem Slum





Familien des CaSP projects vor ihrem zu Hause 




Hier mit zwei NMCT Mitarbeitern (rechts)



Dies sind nur einige der vielen Familiengeschichten, die wir in den letzten Tagen gehört haben. Die Geschichten, die uns erzählt werden, sind bewegend und ergreifend. Trotzdem erleben wir mit den Familien viele schöne Momente, in denen auch gelacht wird. Ich bin auch immer wieder aufs Neue von der indischen Gastfreundschaft überwältigt. Obwohl das Essen für die Familien im Slum oft gerade mal so zum Überleben reicht, bieten sie uns Snacks und Getränke an.
Das Leben im Slum schockiert zwar auf der einen Seite, auf der anderen Seite jedoch fasziniert der Umgang der Menschen mit ihren Lebensumständen. Fünf-köpfige Familien leben in kleinen Hütten, deren Dächer nicht einmal wasserdicht sind. Viele leben am Existenzminimum, haben nicht einmal ein Bett. Lediglich ein Mixer, ein Ventilator und ein Fernseher sind in jedem Zuhause zu finden, da diese Geräte von der Regierung kostenlos für jede Familie bereitgestellt werden - elektronische Geräte, die in Slumgebieten, wo es nicht einmal Zugang zu Strom gibt, überlebenswichtig sind.
Die Menschen, gefangen in den traditionellen Strukturen der indischen Gesellschaft, sind deshalb auf ihre gegenseitige Unterstützung angewiesen. Zwar sind die Schattenseiten der traditionellen Lebensweise noch immer präsent, wie zum Beispiel die Rolle der unterdrückten und vom Ehemann abhängigen Frau. Von einem anderen Blickwinkel betrachtet ist der traditionelle, starke Familienzusammenhalt, der nicht nur aus ökonomischer Sicht gesehen für viele Familien sehr wichtig ist, besonders wertvoll. Auch ist es schön zu sehen, dass es mittlerweile immer mehr Eltern in Slumgebieten bewusst wird, wie wichtig Bildung ist und sie hart dafür arbeiten, dass ihre Kinder zur Schule gehen können. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Fälle, in denen Eltern, zum Beispiel wenn sie an HIV erkrankt sind, auf die finanzielle Unterstützung durch ihre Kinder angewiesen sind. Es gibt Kinder, die ihre Eltern unter allen Umständen unterstützen wollen und deshalb mit 10 Jahren die Schule abbrechen um zu arbeiten. Ihre Eltern verzweifeln daran, weil auch sie eine gute Zukunft für ihre Kinder wollen, haben jedoch oft keine Alternative. Die Unterstützung durch Organisationen wie NMCT spielt hier eine entscheidende Rolle, um den Familien die Chance auf ein besseres Leben und den Kindern eine sichere Zukunft zu geben.

Jede Familie hat ihre eigene, besondere Geschichte zu erzählen und wir fühlen uns geehrt, dass wir die Aufgabe bekommen haben, ihre Geschichten zu dokumentieren. Die case studies der Familien sollen wir, nachdem wir mit den Hausbesuchen fertig sind, in einem booklet festhalten. Bis dahin werden wir in den kommenden Wochen noch einige Male nach Pollachi fahren, um weitere Familien kennen zulernen. Darauf freuen wir uns schon sehr!

(Rike)

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