Samstag, 2. November 2013

Volles Programm

Zwei Monate sind wir jetzt schon in Indien und es wird auf jeden Fall  Zeit für einen neuen, ausführlichen Blogeintrag. Rike hat ja schon von ihrem „special birthday“ berichtet. Nun folgen noch einige weitere Eindrücke der letzten Wochen, damit ihr ENDLICH wieder auf dem Laufenden seid und etwas zum Lesen habt. Viel Spaß dabei! :-) 

Wir zelebrieren den Tag der deutschen Einheit in Indien!

Vom deutschen Konsulat erhielten wir eine schriftliche Einladung , am 04.10.2013 den Tag der deutschen Einheit in einem Hotel in Chennai, der Hauptstadt Tamil Nadus,  zu feiern. Da auch zwei unserer Mitfreiwilligen, Hannah und Johanna von CSED (www.kks-csed-13.blogspot.de), dazu eingeladen wurden, entschlossen wir uns dazu, gemeinsam nach Chennai zu fahren, um uns ein bisschen die Stadt anzuschauen und an der Veranstaltung teilzunehmen. Am 03.10.2013, also kurz nach unserem zweitägigen Aufenthalt in Kanyakumari, ging es direkt wieder weiter. Abends trafen wir uns mit den anderen beiden am Bahnhof in Coimbatore und freuten uns alle riesig über das Wiedersehen. Jede von uns hatte schließlich eine Menge zu erzählen und es war einfach schön, sich austauschen zu können. Mit dem Nachtzug ging es Richtung Chennai, wo wir früh morgens gegen fünf Uhr ankamen und zu unserer Unterkunft gebracht wurden. Nach ein paar Stunden Schlaf –der um diese Zeit und nach der langen  Zugfahrt auf jeden Fall nötig war- machten wir uns schließlich auf den Weg, die Stadt zu erkunden.


Hier ein paar Bilder von unserer privaten "sight-seeing-tour“:



St. Andrew's Church

Der High Court und ein Teil
des indischen Verkehrs ;-)

Gruppenfoto am St. Marina Port :-)

Abends wurden wir schließlich von einem Taxi abgeholt, das uns zur Veranstaltung im Hotel „The Leela Palace“ bringen sollte. Das war jedoch alles andere als einfach, da sich der Taxifahrer nicht wirklich gut auszukennen schien und immer mal wieder anhalten musste, um verschiedene Leute nach dem Weg zu fragen (als TAXIFAHRER!!!). Glücklicherweise fuhren wir früh genug los, sodass wir pünktlich an unserem Zielort ankamen. 
Schon der erste Eindruck, als wir die Auffahrt zum Hotel hinauffuhren, war mehr als überwältigend. Wir schienen wirklich in einer anderen Welt zu sein. Nur wenige Minuten vorher schauten wir aus den Fenstern, fuhren an Slums vorbei, in denen sehr viel Armut und Elend herrscht und wo viele Menschen Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen.  Und dann sahen wir plötzlich dieses imposante, beleuchtete Luxushotel, das genau das Gegenteil davon repräsentierte -  Reichtum und Wohlstand. Das war eigentlich der erste richtige Kulturschock für uns, denn auf Armut und Elend wurden wir in den Vorbereitungsseminaren in Deutschland nur zu gut vorbereitet und wussten, was uns erwarten würde. Doch dieses „andere Indien“, dieses reiche Indien, war neu für uns.
Auch als wir in den Saal eintraten, in dem die Veranstaltung stattfand, konnten wir nur staunen. Zum einen natürlich über den Luxus, der darin vertreten war, zum anderen aber auch darüber, wie viele Deutsche wir dort antrafen. Einige davon waren Freiwillige wie wir, mit denen wir uns über unsere bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse austauschen konnten, andere wiederum waren Geschäftsleute, die sich in Indien niederließen und uns von ihrem Lebensweg erzählten.  Es waren aber nicht nur deutsche, sondern auch indische Vertreter anwesend und so kann der Abend als eine Art interkulturelles Programm bezeichnet werden, bei dem man die Möglichkeit hatte, sich mit unterschiedlichen Menschen über alles Mögliche zu unterhalten.  Interkulturell war auch die Einführung in den Abend – es wurden sowohl die indische als auch die deutsche Nationalhymne gespielt – und natürlich das besondere Büffet: Es gab einen Stand mit indischen und einen mit deutschen Spezialitäten. Da mussten wir natürlich ordentlich zuschlagen! Für uns war es das erste (und vielleicht auch letzte) Mal, dass wir hier in Indien etwas typisch Deutsches gegessen haben.  Aber wir sind natürlich auch mit dem indischen Essen mehr als zufrieden!

Das Büffet...


...ist eröffnet!


Viele, viele bunte Saris


Der Abend war auf jeden Fall eine Bereicherung für uns. Wir lernten viele nette Leute, deutsche und indische, kennen, führten interessante Gespräche und durften die luxuriöse Seite Indiens bestaunen. Arm und reich, traditionell und modern liegen hier wirklich sehr nah beieinander und das wurde mir durch diesen Abend nochmals verstärkt vor Augen geführt.

Ein etwas anderer Feiertag…

Ayudha Pooja heißt dieser Feiertag und wird in Indien einmal im Jahr über mehrere Tage gefeiert. Als Rike und ich am 13.10.2013 nach draußen in den Hof gingen, mussten wir erst einmal schmunzeln. Überall waren Fahrräder und Motorräder aufgestellt, die mit Blumenketten und Girlanden verziert waren. Auch die Autos,  die Computer im Office der NMCT-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen  und sogar die Schulhefte- und bücher der 21 Mädchen wurden geschmückt. „Was geht denn hier vor sich?!“, dachte ich mir zunächst. Doch Seetha, die Frau unseres Direktors, erklärte uns, dass an Ayudha Pooja die verschiedensten Dinge verehrt und gesegnet werden: Fahrzeuge, Bücher, Schreibutensilien, Computer, einfach alles. Dadurch wollen die Menschen ihre Dankbarkeit ausdrücken, denn ohne all diese Dinge hätten sie nicht denselben Lebensstandard. Dieser Feiertag ist also alles andere als lächerlich -wie auf den ersten Blick vermutet- sondern hat eine tiefgründige Bedeutung, die ich nur bewundern kann. Würden wir in Deutschland auf die Idee kommen, Dinge, die unser Leben erleichtern und schöner machen, zu preisen und zu ehren? Wohl kaum. Für viele von uns ist dieser Luxus leider selbstverständlich und nichts Besonderes. Hier hingegen wissen die Menschen sogar die kleinsten Dinge zu schätzen und sind dankbar für das, was sie haben.



Ein paar Snacks
 für die Dorfgemeinschaft

Besuch aus Deutschland

Letzte Woche verbrachten Angehörigen von Herrn Karl Kübel, dem Stifter der KKS gemeinsam mit zwei Mitarbeitern der KKS, Frau Palga und Herrn Tepel,  hier in Coimbatore, um einen tieferen Einblick in die Entwicklungszusammenarbeit der Stiftung zu erhalten, einige der Projekte zu besuchen bzw. kennenzulernen, aber natürlich auch, um etwas über die indische Kultur und Religion zu erfahren. Rike, Hannah und Johanna von CSED und ich erhielten die Möglichkeit, die Gruppe die ganze Woche über zu begleiten. Dadurch konnten wir ihnen von unserem Freiwilligendienst, dem „weltwärts“-Programm und unseren bisherigen Erfahrungen erzählen, aber auch selbst unseren Horizont erweitern, wofür wir sehr dankbar sind.

Bereits am ersten Tag wurden wir in die indische Kultur eingeführt. Der Weltmeister des Karambol-Spiels und drei weitere professionelle Spieler kamen zum KKID (Karl Kübel Institute for Education Development) und führten uns in ihre Künste ein. Karambol ist ein aus Indien stammendes, billardähnliches Brett- bzw. Geschicklichkeitsspiel und hier sehr verbreitet und beliebt – bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Das Spiel ist entweder für zwei (einer gegen einen) oder vier Spieler geeignet (zwei gegen zwei).
Das Brett und die Spielsteine bestehen aus Holz. Es gibt neun weiße, neun schwarze und einen roten Stein, die Queen. Als „Billardkugel“ dienen sogenannte Schusssteine aus Kunststoff, die etwas größer sind als die Spielsteine.  Es würde eindeutig zu lange dauern, Regeln genau zu erklären, aber Ziel des Spiels ist es, die eigenen neun Steine schnellstmöglich in die Ecklöcher zu bringen (wie beim Billard). Versenkt man die Queen, muss diese noch mit einem anderen Stein der eigenen Farbe bestätigt werden, erst dann erhält man Punkte. Ich hoffe, ihr versteht jetzt nicht nur Bahnhof...

Bei professionellen Spielern sieht das Ganze ziemlich einfach aus, aber das ist es definitiv nicht. Man muss sich sehr konzentrieren und am besten auch während des Spiels nicht reden, damit man nicht abgelenkt wird.
Bei uns sah es zwar nicht wirklich professionell aus, aber Spaß hatten wir auf jeden Fall!


Die Profis in ihrem Element


Am nächsten Tag (Montag, 21.10.13) besuchten wir einige Mitglieder der Frauenselbsthilfegruppen von VIMUKTHA, ein durch NMCT und die KKS ins Leben gerufene Projekt, (http://kks-nmct-13.blogspot.de/2013/09/ein-paar-eindrucke.html) und erhielten einen Einblick in ihre Arbeit und ihr Leben. Rike und ich hatten uns vorher schon ein bisschen mit dem Projekt auseinandergesetzt und einige Frauen kennengelernt. Es ist wirklich immer wieder bewundernswert, wie sie sich durch VIMUKTHA entwickelt haben – zu selbstständigen, starken und unabhängigen Frauen, die in der Lage sind, eigene Geschäfte zu führen.

Familie Kübel wird feierlich empfangen;
mit Blumenketten und frischem Kokosnusssaft.

                     
Lakshmi (Name geändert), ein Mitglied der VIMUKTHA-Frauenselbsthilfegruppen, bei der Arbeit. Sie stellt kleine Tontöpfchen her, die vor allem in Tempeln und bei bestimmten Festlichkeiten vorzufinden sind. Lakshmi ist dankbar und glücklich. Sie hat Arbeit, ein geregeltes Einkommen und kann ihre Familie versorgen. 


Pavithra (Name geändert) musste schon als kleines Kind arbeiten gehen, weil das Einkommen ihrer Eltern zum Überleben der Familie nicht ausreichte. Dank VIMUKTHA verdient ihre Mutter nun genug und Pavithra kann wieder zur Schule gehen. In ihrer Freizeit tanzt sie gerne. Stolz zeigt sie uns ihrer Pokale, die sie bei Tanzauftritten gewonnen hat. Pavithra ist glücklich und genießt ihr Leben.



Abends fuhren wir gemeinsam zu dem auf einem Berg der Western Ghats gelegenen Marudamalai Tempel. Dieser Tempel ist sehr bekannt und für den hinduistischen Gott Murugan, den Bruder des Elefantengotts Ganesha, errichtet worden.


Der heilige Wagen, auf dem
Murugan transportiert wird


















Am Dienstagabend besuchte Familie Kübel das Abhaya Students Shelter. Gemeinsam mit den Mädchen hatten Rike und ich ein interkulturelles Programm vorbereitet. Neben traditionellen indischen Tänzen trugen die Mädchen auch ein deutsches Kinderlied („Die Jahresuhr“) und das Märchen „Hänsel und Gretel“ vor. Zum Abschluss gab es eine Art Flashmob, bei dem jeder mittanzte!

 
Die Großen
Die Kleinen
Hänsel und Gretel mit der bösen Hexe


Nach dem "offiziellen" Programm hatte man Zeit, sich zu unterhalten, mit den Kindern zu spielen oder sich das Abhaya-Heim genauer anzuschauen.Anschließend folgte ein traditionell indischen Abendessen und danach fuhr Familie Kübel auch schon wieder zurück ins KKID. Es war ein sehr schöner Abend und wir alle hatte unglaublich viel Spaß, besonders die Mädchen! :-)

Am Mittwoch, den 23.10.13 stand ein Ausflug nach Ooty auf dem Programm. Ooty ist ein Bergort in den Nilgiribergen und liegt ca. 2500 Meter hoch. Entdeckt bzw. gegründet wurde der Ort von dem Briten John Sullivan Anfang des 19.Jahrhunderts. Mit einem Minibus fuhren wir die Serpentinen hinauf, was eine ganz schön aufregende Angelegenheit war und einer Achterbahnfahrt ähnelte. Der indische Verkehr ist ja ohnehin etwas gewöhnungsbedürftig. Regeln scheint es auf den ersten Blick keine zu geben, Überholen ist überall erlaubt und alles läuft nach der Devise: Der Stärkere und lauter Hupende gewinnt.  Dennoch fühle ich mich sicher (meistens zumindest), weil die Autofahrer hier zu 100% aufeinander abgestimmt zu sein scheinen. Unser Busfahrer fuhr sogar stellenweise kurz vor scharfen Kurven an Autos und LKWs vorbei – und das in den schmalen, steilen Serpentinen -, aber nur, wenn ihm der Vordermann ein Zeichen gab. So wusste er, dass auch wirklich niemand entgegenkam.

Bei einem Päuschen trifft man auch mal auf den ein oder anderen Affen


Ooty ist ein wunderschöner Ort. Die kleinen Häuschen sind alle sehr farbenfroh, die Flora und Fauna vielseitig und der Blick in die Ferne ist faszinierend.

Ein wunderschöner, botanischer Garten, der im 19 Jhd. von den Briten angelegt wurde.
Hier findet man zahlreiche Baum- und pflanzenarten, die alle importiert wurden. 

Rike und ich in einem Tribalvillage vor einem "Naturtempel".
Hier werden die vier Elemente angebetet bzw. verehrt. Der Tempel darf allerdings nur von Priestern betreten werden.

Versteckspiel in den Teeplantagen...


Am folgenden Tag besuchten wir eine christliche NGO, Good Shepherd Health Education Centre and Disepensary (GSHEC), die ebenfalls mit der KKS zusammenarbeitet. GSHEC (www.goodshepherdkaramadai.com) unterstützt arme, marginalisierte Bevölkerungsschichten, vor allem Frauen und Kinder im Bereich Gesundheit, Bildung, wirtschaftliche Entwicklung etc. Ähnlich wie Vimuktha hat GSHEC zahlreiche Selbsthilfegruppen in ländlichen Gegenden.

Zu Besuch in einem Dorf, das von GSHEC unterstützt wird. Im Hintergrund sieht man eine riesige Filteranlage. Dort wird das Regenwasser gesammelt und gefiltert. So wird den Familien ausreichend Trinkwasser zur Verfügung gestellt.

Und schon folgte der letzte Tag mit Familie Kübel, an dem eine weitere, besondere Tempelbesichtigung auf dem Programm stand. Wir durften den Tempelelefant besuchen:




Nach einer anschließenden Shopping-Tour ging es abends zurück ins KKID. Dort gab es eine kleine Abschiedsrunde, bei der Bewohner eines Tribalvillages ihre traditionellen Tänze vorführten. Zum Schluss durften auch wir mittanzen! 
Eine besondere, einzigartige Woche ging zu Ende und dann hieß es schon wieder Abschied nehmen. Für Familie Kübel ging es zurück nach Deutschland und für Rike und mich ins Abhaya Students Shelter. 

Mittlerweile kehrt bei uns langsam der Alltag zurück und wir können wieder mehr Zeit mit den Mädchen verbringen. Und für mich gibt es definitiv nichts Schöneres! :-)


(Janina) 

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