06.00 Uhr - langsam regt sich etwas im Abhaya. Die
ersten der jüngeren Mädchen rekeln sich in ihren Betten im Schlafzimmer des
ersten Stocks. Unten wachen die älteren in Hochbetten auf und reiben sich den
Schlaf aus den Augen. Die meisten in der gleichen Kleidung, die sie am
gestrigen Tag nach der Rückkehr aus der Schule gegen die Schuluniform
eingetauscht hatten. Ein Paar Mädchen haben diese Nacht mal wieder den kühlen
Boden im Eingangsraum (ich nenne ihn Allzweckraum, da hier gegessen, gespielt,
gelernt und wie in eben dieser Nacht geschlafen wird) bevorzugt. Hier können
sie direkt auf die anderen Mädchen warten, um den ersten Tagespunkt in Angriff zu nehmen - das tägliche Yoga.
06.15 Uhr – nach und nach versammeln sich alle
Mädchen. Im Schneidersitz und mit noch immer sehr müden Blicken befolgen die
einen mit mehr, die anderen mit weniger Elan die Übungen, die eines der Mädchen
vormacht. Da es früh am Morgen ist, wird auch nur die „Yoga-light“ Variante
(Dehnübungen und die Waden, die Zehen
und den „center point“ des Fußes massieren) gemacht. Es wird noch nicht viel
geredet, was sich im Laufe des Tages aber natürlich noch sehr ändern wird.
| Kaffee zum munter werden |
06.30 Uhr – Kalamani, welche nun seit circa drei
Monaten im Abhaya beschäftigt ist um 25 Mägen zu füllen, eröffnet die Küche, in
der den ganzen Tag immer wieder viel gewirkt wird, und kocht Kaffee. Mehrmals
täglich gilt es nämlich frischen Kaffee oder Cai zu kochen (die Tee-Pausen
haben bei einem langen Tag im Abhaya-Office und im Heim selbst festen Bestand)
und Frühstück, Mittag- und Abendessen frisch zuzubereiten. Dabei packen immer
zwei bis drei Mädchen mit an, es gibt nämlich einen Wochenplan damit jeder
weiß, wann er mit Kochen, Essenverteilen, Geschirrwaschen, Putzen etc. an der
Reihe ist. Während das Frühstück zubereitet wird und selbst die jüngsten
Mädchen ihren Kaffee getrunken haben, begibt sich jeder an seine Schulbücher.
In jedem Raum liegen Bücher und Hefte auf dem Boden verteilt, über die fleißige
Mädchen gebeugt sind, um Texte abzuschreiben, an sogenannten „projects“
(meistens das Anfertigen einer vorgegebenen visuellen Darstellung des Gelernten
auf einem Plakat oder ähnlichem) zu arbeiten und Gedichte oder Sachtexte
auswendig zu lernen.
07.30 Uhr – bathing time! Draußen im Waschbereich
tummeln sich die Mädchen um Wassereimer, um der täglichen Morgentoilette
nachzugehen und anschließend in die Schuluniformen zu schlüpfen. Die dichten
langen Haare werden gekämmt und mit Kokosöl eingeschmiert - für die Haarpflege
mit angenehm kühlenden Effekt. Gegenseitig hilft man sich beim Entlausen und
Flechtfrisuren machen: streng gescheitelt, mit flinken Händen zwei Zöpfe
geflochten und kunstvoll eine Schleife ins Haar gemacht – fertig ist die
perfekte Affenschaukel! Zur gleichen Zeit kümmert sich der dieswöchige
Putzdienst um das Fegen der Räume. In der Küche wird für das Frühstück und
Mittagessen Reis gekocht, Gemüse geschnibbelt und Chutney zubereitet.
08.00 Uhr – aus allen Richtungen kommen die Mädchen,
um sich zum ersten Gebet vor dem Hausaltar (das oberste Fach eines
Bücherregals) zu versammeln. Ein Räucherstäbchen wird entzündet und ebenso
werden frische gelbe und rote Hibiskus Blüten zu drei Bildern, die auf dem
Bücherregal stehen, gelegt. Eines der Bilder zeigt den hinduistischen,
elefantenköpfigen Gott Ganesha, auf einem anderen ist eine Kaaba abgebildet.
Auf dem dritten erstrahlt Jesus in leuchtenden, bunten Farben. Die Mädchen
legen die Hände aneinander und fangen an mit geschlossenen Augen im Chor das Gebet zusprechen. Manche blinzeln ab und an und grinsen, zum letzten Satz des
Gebets huscht noch ein Mädchen dazu, welches noch dabei ist, sich eine Schleife
ins Haar zu machen.
| Mhhh.. heute gibt es Daal Chutney mit extra viel Knobi! |
08.30 Uhr – jetzt heißt es „Sapare wange!“. Es gibt
Frühstück. Jeder schnappt sich seinen Teller und reiht sich vor dem Topf Reis
und Chutney auf. Ich freue mich darüber, dass ich mich mittlerweile ohne, dass
die Mädchen mir mit einem „You go, sister“ den Vortritt lassen wollen,
einreihen kann. Zu Beginn meiner Zeit hier musste ich einige Male dankend
ablehnen, bis sie vor jeder Mahlzeit nach dreimaligem hin und her akzeptieren
mussten, dass ich nicht bevorzugt werden möchte und nicht als Gast hier bin.
Die großen Mädchen fangen schnell an zu essen, um im Anschluss in Hektik ihre
Schulsachen zu nehmen und den Bus zur Schule im nahegelegenen Kanuvai nicht zu
verpassen. Ich habe aufgehört mich darüber zu wundern, dass man es schafft
jeden Tag in den letzten Minuten unter Zeitdruck zu geraten, obwohl man 2
½ Stunden vor dem Verlassen des Hauses
aufsteht. Die Grundschulmädchen warten mehr oder weniger geduldig bis alle ihr
Essen vor sich haben. Wir bilden einen Kreis und wieder wird erst gebetet,
diesmal um für das Essen zu danken, und dann „Piep, piep, piep wi has us alle lieb“ gesungen. Wir begeben uns alle in die indische
Standardsitzposition –den Schneidersitz- und beginnen zu frühstücken. Aus
manchen Richtungen hört man es Schmatzen und leise Rülpsen. In Indien ist dies
jedoch keineswegs ein Zeichen für schlechtes Benehmen, wie wir seit langem
wissen! Im Gegenteil – es zeigt viel mehr, dass es einem gut schmeckt. Und das
tut es den Mädchen eigentlich fast immer. Mir übrigens auch. Mittlerweile gibt
es nur noch wenige Momente, in denen ich mich nach einem süßen Frühstück sehne
und gerne Abwechslung von dem morgendlichen, mittäglichen und abendlichen
Reisgerichten „mit viel scharf“ hätte.
08.45 Uhr - die jüngeren Mädchen packen noch schnell
die letzten Hefte in die an ihnen überdimensional groß wirkenden Tornister und reihen sich vor
dem Tor des Abhayas auf. Nach einem kurzen Gebet machen wir uns auf den
Schulweg. Die Mädchen zur Schule zu bringen ist eine der ersten kleinen
Aufgaben, der wir bereits in unserer Beobachtungsphase nachgegangen sind. Nach
fünfminütigem Fußmarsch erreichen wir das Gebäude mit der ersten bis fünften
Klasse der Grundschule, an der wir von den ersten Mädchen mit einem „Bye
sister! Have a nice day!“ verabschiedet werden. Nach weiteren 2 Minuten des „in
der Reihe hintereinander an der Hand Laufens“ verabschieden wir uns schon von
den restlichen Mädchen. Auf dem Rückweg bemerken Janina und ich die bohrenden
Blicke der Menschen die am Straßenrand stehen oder uns entgegen kommen. Da wir
auf dem Hinweg noch so sehr mit den Mädchen beschäftigt waren, fielen uns die
neugierigen Blicke der Menschen noch nicht besonders auf. Janina und ich werden
von vielen musternd angeschaut, andere lächeln uns freundlich zu. Kinder rufen
„Hi!“, winken und laufen uns sogar teilweise hinterher. Wir scheinen eine
„exotische Attraktion“ zu sein und immer unter Beobachtung zu stehen. Am Anfang
war ich froh, dass der Weg bis zum Abhaya nicht so weit ist. Mittlerweile habe
ich mich aber an die Blicke gewöhnt. Außerdem freue ich mich, unterwegs
bekannte Gesichter aus dem Dorf zu sehen. Aus einer Einfahrt kommt ein Roller,
den ein Mann fährt, geschossen. Auf dem Rücksitz seine Frau mit einem Kleinkind
auf dem Schoß, die andere Tochter kniet im „Fußraum“ des Rollers. Etwas
alltägliches, was im deutschen Straßenverkehr als unverantwortlich gedeutet
werden würde, oder zumindest als sehr ungewöhnlich, und bei dem man vielleicht
sogar die Polizei alarmieren würde. Ich wundere mich zwar nicht mehr über die
Bilder, welche sich mir auf den indischen Straßen bieten, jedoch ist mir
bewusst, dass mir in gut zwei Monaten in Deutschland keine Kühe mehr auf der
Straße entgegen kommen werden, als gäbe es nichts Natürlicheres. Oder Ziegen,
die in dem Müllhaufen am Straßenrand nach Fressbarem suchen. Auch werde ich
nicht mehr täglich an den zahlreichen kleinen mobilen Ständen auf Rädern, an
denen frische Ananas, Papaya, Wassermelone, Bananen, Mangos und alles was das
indische Fruchtparadies noch für umgerechnet 1 bis 15 Cent zu bieten hat,
verkauft werden, vorbei kommen. Und mit Sicherheit werde ich morgens nicht mehr
an dem alten Schuster mit Beinen so dünn wie mein Unterarm, der am Straßenrand
auf dem Boden sitzt, vorbeikommen. Vor sich ein Tuch auf dem seit unsrer
Ankunft vor sechs Monaten die gleichen drei einzelnen Schuhen liegen und ein
Schild auf dem etwas auf Tamil steht.
09.00 Uhr – wir
erreichen wieder das Abhaya, plaudern noch kurz mit Yasotha und machen uns dann
an die Arbeit, welche für heute anfällt. Case studies schreiben, an der
Videodokumentation arbeiten, die nächste English class oder Wochenendaktivität
für die Mädchen vorbereiten… Obwohl wir nicht mehr wie die ersten Monate
regelmäßig nach Pollachi fahren, finden wir immer etwas zu tun – zum Glück!
| Kalamani in ihrem Reich beim Cai kochen |
16.30 Uhr –
Während die Neunt- und Zehntklässlerinnen von der Schule direkt zur Nachhilfe
gehen, kommen die andern Mädchen aus der Schule wieder. Die Schuluniform wird
wieder gegen Chudida (ein indisches Oberteil, welches auch wir hier überwiegend
tragen) und Leggins, T-shirt und Jeans oder Nighty (bodenlanges Nachthemd,
welches hier privat auch tagsüber getragen werden kann) eingetauscht. Einige
Mädchen baden sich noch kurz und waschen ihre Schuluniform für den nächsten
Tag, andere beginnen sofort mit dem Nachmittags-Cai zu dem es entweder Butterkekse
oder indische Snacks gibt.
17.15 Uhr – auf
geht’s zur „cycling class“ auf dem Sandplatz im Dorf! Am Anfang unserer Zeit
hier sind wir noch täglich mit den Mädchen Fahrrad gefahren. Mittlerweile
können alle Rad fahren und da die Räder auf Grund einiger Scherben, welche auf
dem Platz liegen, regelmäßig Platten bekommen, ist aus der offiziellen „cycling
class“ eine „games/ball class“ geworden. Aktuell ist Völkerball hoch im Kurs
dicht gefolgt von Flunkyball (natürlich mit Wasser) und dem indischen Fangspiel
„Capedi“.
18.15 Uhr – wir
machen uns auf den Weg zurück ins Abhaya. Dort angekommen treffen wir auf die
großen Mädchen welche in der Zwischenzeit von der Nachhilfe wieder gekommen
sind und ihre rare freie Zeit zum Teetrinken, Zeitunglesen und Plaudern nutzen.
Doch nun geht es nach dem Nachmittagsgebet schon wieder weiter mit dem Lernen.
19.00 Uhr – vor
zwei Wochen habe ich eine „reading class“ für die Mädchen, welche kaum bis gar
nicht Englisch lesen können eingeführt. Hauptsächlich sind das die Mädchen aus
der vierten bis sechsten Klasse, aber auch ein Mädchen aus der siebten und
eines aus der achten Klasse. Ich freue mich wieder darüber, wie schnell die
Mädchen eigentlich begreifen und bin auf der andern Seite genauso schockiert,
warum es bisher noch kein Lehrer geschafft hat, ihnen einfach mal zu sagen,
dass man beim Lesen eines Wortes den Buchstaben „b“ nicht wie beim
buchstabieren [bi] sondern eher [bə] ausspricht.
19.30 Uhr – Nun
steht die eigentliche English class an. Janina unterrichtet die Mädchen der
siebten und achten Klasse und ich von der vierten bis sechsten Klasse (jeder
mit einer beschaulichen Gruppe von 5 Schülerinnen). Spielerisch versuchen wir
den englischen Wortschatz der Mädchen zu erweitern und wagen uns sogar an
kleine grammatikalische Übungen. Das englische Sprachniveau der Mädchen fällt
dabei sehr unterschiedlich aus, sodass viel Fingerspitzengefühl wichtig ist, um
niemanden vor sich sitzen zu haben, der frustriert oder gelangweilt ist.
20.30 Uhr –
Endlich heißt es wieder „Sapere wange!“ und alle versammeln sich zum
Abendessen. Das Prozedere verläuft ähnlich wie beim Frühstück, jediglich die
Stimmung ist heiterer, da alle froh sind wieder einen Schultag hinter sich
gebracht zu haben.
| Nalla kanavu - Sweet dreams! |
21.00 Uhr – die
Ersten vom langen Tag Erschöpften fallen schon ins Bett. Ein paar waschen ihre
Wäsche oder baden sich vor dem Schlafengehen. Die meisten der Großen haben
jedoch noch einiges an Hausaufgaben vor sich oder lernen für den nächsten Test.
Trotzdem findet sich dabei auch Zeit, sich mit den anderen Mädchen oder den
beiden „sisters“ auszutauschen und Späße zu machen. Zur gleichen Zeit spielen
einige der jüngeren Mädchen, die abends nochmal voll aufdrehen
Gesellschaftsspiele oder toben durch die Gegend.
22.00 Uhr – die
meisten jüngeren Mädchen haben sich mittlerweile schlafen gelegt. Einige der
Großen haben noch ein, zwei Stunden über den Schulbüchern vor sich, bis auch
sie endlich todmüde ins Bett fallen dürfen und im Abhaya schließlich für ein
paar Stunden Ruhe einkehrt.
(Rike)
(Rike)
Stolz kann ich sagen, dass ich die schöne Atmosphäre im Abhaya auch schon miterleben durfte und Rike sich nichts aus den Fingern gesaugt hat! :)
AntwortenLöschenIn Lana Südtirol haben wir zum ersten Mal Yoga machen dürfen. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Ich freue mich auf die nächste Fahrt.
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