Mittwoch, 12. Februar 2014

Ein Tag im Abhaya Student Shelter

06.00 Uhr - langsam regt sich etwas im Abhaya. Die ersten der jüngeren Mädchen rekeln sich in ihren Betten im Schlafzimmer des ersten Stocks. Unten wachen die älteren in Hochbetten auf und reiben sich den Schlaf aus den Augen. Die meisten in der gleichen Kleidung, die sie am gestrigen Tag nach der Rückkehr aus der Schule gegen die Schuluniform eingetauscht hatten. Ein Paar Mädchen haben diese Nacht mal wieder den kühlen Boden im Eingangsraum (ich nenne ihn Allzweckraum, da hier gegessen, gespielt, gelernt und wie in eben dieser Nacht geschlafen wird) bevorzugt. Hier können sie direkt auf die anderen Mädchen warten, um den ersten Tagespunkt in Angriff zu nehmen - das tägliche Yoga.             

06.15 Uhr – nach und nach versammeln sich alle Mädchen. Im Schneidersitz und mit noch immer sehr müden Blicken befolgen die einen mit mehr, die anderen mit weniger Elan die Übungen, die eines der Mädchen vormacht. Da es früh am Morgen ist, wird auch nur die „Yoga-light“ Variante (Dehnübungen und die  Waden, die Zehen und den „center point“ des Fußes massieren) gemacht. Es wird noch nicht viel geredet, was sich im Laufe des Tages aber natürlich noch sehr ändern wird.


Kaffee zum munter werden
06.30 Uhr – Kalamani, welche nun seit circa drei Monaten im Abhaya beschäftigt ist um 25 Mägen zu füllen, eröffnet die Küche, in der den ganzen Tag immer wieder viel gewirkt wird, und kocht Kaffee. Mehrmals täglich gilt es nämlich frischen Kaffee oder Cai zu kochen (die Tee-Pausen haben bei einem langen Tag im Abhaya-Office und im Heim selbst festen Bestand) und Frühstück, Mittag- und Abendessen frisch zuzubereiten. Dabei packen immer zwei bis drei Mädchen mit an, es gibt nämlich einen Wochenplan damit jeder weiß, wann er mit Kochen, Essenverteilen, Geschirrwaschen, Putzen etc. an der Reihe ist. Während das Frühstück zubereitet wird und selbst die jüngsten Mädchen ihren Kaffee getrunken haben, begibt sich jeder an seine Schulbücher. In jedem Raum liegen Bücher und Hefte auf dem Boden verteilt, über die fleißige Mädchen gebeugt sind, um Texte abzuschreiben, an sogenannten „projects“ (meistens das Anfertigen einer vorgegebenen visuellen Darstellung des Gelernten auf einem Plakat oder ähnlichem) zu arbeiten und Gedichte oder Sachtexte auswendig zu lernen.


07.30 Uhr – bathing time! Draußen im Waschbereich tummeln sich die Mädchen um Wassereimer, um der täglichen Morgentoilette nachzugehen und anschließend in die Schuluniformen zu schlüpfen. Die dichten langen Haare werden gekämmt und mit Kokosöl eingeschmiert - für die Haarpflege mit angenehm kühlenden Effekt. Gegenseitig hilft man sich beim Entlausen und Flechtfrisuren machen: streng gescheitelt, mit flinken Händen zwei Zöpfe geflochten und kunstvoll eine Schleife ins Haar gemacht – fertig ist die perfekte Affenschaukel! Zur gleichen Zeit kümmert sich der dieswöchige Putzdienst um das Fegen der Räume. In der Küche wird für das Frühstück und Mittagessen Reis gekocht, Gemüse geschnibbelt und Chutney zubereitet.


08.00 Uhr – aus allen Richtungen kommen die Mädchen, um sich zum ersten Gebet vor dem Hausaltar (das oberste Fach eines Bücherregals) zu versammeln. Ein Räucherstäbchen wird entzündet und ebenso werden frische gelbe und rote Hibiskus Blüten zu drei Bildern, die auf dem Bücherregal stehen, gelegt. Eines der Bilder zeigt den hinduistischen, elefantenköpfigen Gott Ganesha, auf einem anderen ist eine Kaaba abgebildet. Auf dem dritten erstrahlt Jesus in leuchtenden, bunten Farben. Die Mädchen legen die Hände aneinander und fangen an mit geschlossenen Augen im Chor das Gebet zusprechen. Manche blinzeln ab und an und grinsen, zum letzten Satz des Gebets huscht noch ein Mädchen dazu, welches noch dabei ist, sich eine Schleife ins Haar zu machen.


Mhhh.. heute gibt es Daal Chutney mit extra viel Knobi!
08.30 Uhr – jetzt heißt es „Sapare wange!“. Es gibt Frühstück. Jeder schnappt sich seinen Teller und reiht sich vor dem Topf Reis und Chutney auf. Ich freue mich darüber, dass ich mich mittlerweile ohne, dass die Mädchen mir mit einem „You go, sister“ den Vortritt lassen wollen, einreihen kann. Zu Beginn meiner Zeit hier musste ich einige Male dankend ablehnen, bis sie vor jeder Mahlzeit nach dreimaligem hin und her akzeptieren mussten, dass ich nicht bevorzugt werden möchte und nicht als Gast hier bin. Die großen Mädchen fangen schnell an zu essen, um im Anschluss in Hektik ihre Schulsachen zu nehmen und den Bus zur Schule im nahegelegenen Kanuvai nicht zu verpassen. Ich habe aufgehört mich darüber zu wundern, dass man es schafft jeden Tag in den letzten Minuten unter Zeitdruck zu geraten, obwohl man 2 ½  Stunden vor dem Verlassen des Hauses aufsteht. Die Grundschulmädchen warten mehr oder weniger geduldig bis alle ihr Essen vor sich haben. Wir bilden einen Kreis und wieder wird erst gebetet, diesmal um für das Essen zu danken, und dann „Piep, piep, piep wi has us alle lieb“ gesungen.  Wir begeben uns alle in die indische Standardsitzposition –den Schneidersitz- und beginnen zu frühstücken. Aus manchen Richtungen hört man es Schmatzen und leise Rülpsen. In Indien ist dies jedoch keineswegs ein Zeichen für schlechtes Benehmen, wie wir seit langem wissen! Im Gegenteil – es zeigt viel mehr, dass es einem gut schmeckt. Und das tut es den Mädchen eigentlich fast immer. Mir übrigens auch. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Momente, in denen ich mich nach einem süßen Frühstück sehne und gerne Abwechslung von dem morgendlichen, mittäglichen und abendlichen Reisgerichten „mit viel scharf“ hätte.


08.45 Uhr - die jüngeren Mädchen packen noch schnell die letzten Hefte in die an ihnen überdimensional  groß wirkenden Tornister und reihen sich vor dem Tor des Abhayas auf. Nach einem kurzen Gebet machen wir uns auf den Schulweg. Die Mädchen zur Schule zu bringen ist eine der ersten kleinen Aufgaben, der wir bereits in unserer Beobachtungsphase nachgegangen sind. Nach fünfminütigem Fußmarsch erreichen wir das Gebäude mit der ersten bis fünften Klasse der Grundschule, an der wir von den ersten Mädchen mit einem „Bye sister! Have a nice day!“ verabschiedet werden. Nach weiteren 2 Minuten des „in der Reihe hintereinander an der Hand Laufens“ verabschieden wir uns schon von den restlichen Mädchen. Auf dem Rückweg bemerken Janina und ich die bohrenden Blicke der Menschen die am Straßenrand stehen oder uns entgegen kommen. Da wir auf dem Hinweg noch so sehr mit den Mädchen beschäftigt waren, fielen uns die neugierigen Blicke der Menschen noch nicht besonders auf. Janina und ich werden von vielen musternd angeschaut, andere lächeln uns freundlich zu. Kinder rufen „Hi!“, winken und laufen uns sogar teilweise hinterher. Wir scheinen eine „exotische Attraktion“ zu sein und immer unter Beobachtung zu stehen. Am Anfang war ich froh, dass der Weg bis zum Abhaya nicht so weit ist. Mittlerweile habe ich mich aber an die Blicke gewöhnt. Außerdem freue ich mich, unterwegs bekannte Gesichter aus dem Dorf zu sehen. Aus einer Einfahrt kommt ein Roller, den ein Mann fährt, geschossen. Auf dem Rücksitz seine Frau mit einem Kleinkind auf dem Schoß, die andere Tochter kniet im „Fußraum“ des Rollers. Etwas alltägliches, was im deutschen Straßenverkehr als unverantwortlich gedeutet werden würde, oder zumindest als sehr ungewöhnlich, und bei dem man vielleicht sogar die Polizei alarmieren würde. Ich wundere mich zwar nicht mehr über die Bilder, welche sich mir auf den indischen Straßen bieten, jedoch ist mir bewusst, dass mir in gut zwei Monaten in Deutschland keine Kühe mehr auf der Straße entgegen kommen werden, als gäbe es nichts Natürlicheres. Oder Ziegen, die in dem Müllhaufen am Straßenrand nach Fressbarem suchen. Auch werde ich nicht mehr täglich an den zahlreichen kleinen mobilen Ständen auf Rädern, an denen frische Ananas, Papaya, Wassermelone, Bananen, Mangos und alles was das indische Fruchtparadies noch für umgerechnet 1 bis 15 Cent zu bieten hat, verkauft werden, vorbei kommen. Und mit Sicherheit werde ich morgens nicht mehr an dem alten Schuster mit Beinen so dünn wie mein Unterarm, der am Straßenrand auf dem Boden sitzt, vorbeikommen. Vor sich ein Tuch auf dem seit unsrer Ankunft vor sechs Monaten die gleichen drei einzelnen Schuhen liegen und ein Schild auf dem etwas auf Tamil steht.


09.00 Uhr – wir erreichen wieder das Abhaya, plaudern noch kurz mit Yasotha und machen uns dann an die Arbeit, welche für heute anfällt. Case studies schreiben, an der Videodokumentation arbeiten, die nächste English class oder Wochenendaktivität für die Mädchen vorbereiten… Obwohl wir nicht mehr wie die ersten Monate regelmäßig nach Pollachi fahren, finden wir immer etwas zu tun – zum Glück!


Kalamani in ihrem Reich beim Cai kochen
16.30 Uhr – Während die Neunt- und Zehntklässlerinnen von der Schule direkt zur Nachhilfe gehen, kommen die andern Mädchen aus der Schule wieder. Die Schuluniform wird wieder gegen Chudida (ein indisches Oberteil, welches auch wir hier überwiegend tragen) und Leggins, T-shirt und Jeans oder Nighty (bodenlanges Nachthemd, welches hier privat auch tagsüber getragen werden kann) eingetauscht. Einige Mädchen baden sich noch kurz und waschen ihre Schuluniform für den nächsten Tag, andere beginnen sofort mit dem Nachmittags-Cai zu dem es entweder Butterkekse oder indische Snacks gibt.


17.15 Uhr – auf geht’s zur „cycling class“ auf dem Sandplatz im Dorf! Am Anfang unserer Zeit hier sind wir noch täglich mit den Mädchen Fahrrad gefahren. Mittlerweile können alle Rad fahren und da die Räder auf Grund einiger Scherben, welche auf dem Platz liegen, regelmäßig Platten bekommen, ist aus der offiziellen „cycling class“ eine „games/ball class“ geworden. Aktuell ist Völkerball hoch im Kurs dicht gefolgt von Flunkyball (natürlich mit Wasser) und dem indischen Fangspiel „Capedi“.


18.15 Uhr – wir machen uns auf den Weg zurück ins Abhaya. Dort angekommen treffen wir auf die großen Mädchen welche in der Zwischenzeit von der Nachhilfe wieder gekommen sind und ihre rare freie Zeit zum Teetrinken, Zeitunglesen und Plaudern nutzen. Doch nun geht es nach dem Nachmittagsgebet schon wieder weiter mit dem Lernen.





19.00 Uhr – vor zwei Wochen habe ich eine „reading class“ für die Mädchen, welche kaum bis gar nicht Englisch lesen können eingeführt. Hauptsächlich sind das die Mädchen aus der vierten bis sechsten Klasse, aber auch ein Mädchen aus der siebten und eines aus der achten Klasse. Ich freue mich wieder darüber, wie schnell die Mädchen eigentlich begreifen und bin auf der andern Seite genauso schockiert, warum es bisher noch kein Lehrer geschafft hat, ihnen einfach mal zu sagen, dass man beim Lesen eines Wortes den Buchstaben „b“ nicht wie beim buchstabieren [bi] sondern eher [bə] ausspricht.


19.30 Uhr – Nun steht die eigentliche English class an. Janina unterrichtet die Mädchen der siebten und achten Klasse und ich von der vierten bis sechsten Klasse (jeder mit einer beschaulichen Gruppe von 5 Schülerinnen). Spielerisch versuchen wir den englischen Wortschatz der Mädchen zu erweitern und wagen uns sogar an kleine grammatikalische Übungen. Das englische Sprachniveau der Mädchen fällt dabei sehr unterschiedlich aus, sodass viel Fingerspitzengefühl wichtig ist, um niemanden vor sich sitzen zu haben, der frustriert oder gelangweilt ist.


20.30 Uhr – Endlich heißt es wieder „Sapere wange!“ und alle versammeln sich zum Abendessen. Das Prozedere verläuft ähnlich wie beim Frühstück, jediglich die Stimmung ist heiterer, da alle froh sind wieder einen Schultag hinter sich gebracht zu haben.


Nalla kanavu - Sweet dreams!
21.00 Uhr – die Ersten vom langen Tag Erschöpften fallen schon ins Bett. Ein paar waschen ihre Wäsche oder baden sich vor dem Schlafengehen. Die meisten der Großen haben jedoch noch einiges an Hausaufgaben vor sich oder lernen für den nächsten Test. Trotzdem findet sich dabei auch Zeit, sich mit den anderen Mädchen oder den beiden „sisters“ auszutauschen und Späße zu machen. Zur gleichen Zeit spielen einige der jüngeren Mädchen, die abends nochmal voll aufdrehen Gesellschaftsspiele oder toben durch die Gegend.

22.00 Uhr – die meisten jüngeren Mädchen haben sich mittlerweile schlafen gelegt. Einige der Großen haben noch ein, zwei Stunden über den Schulbüchern vor sich, bis auch sie endlich todmüde ins Bett fallen dürfen und im Abhaya schließlich für ein paar Stunden Ruhe einkehrt. 

(Rike)

2 Kommentare:

  1. Stolz kann ich sagen, dass ich die schöne Atmosphäre im Abhaya auch schon miterleben durfte und Rike sich nichts aus den Fingern gesaugt hat! :)

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  2. In Lana Südtirol haben wir zum ersten Mal Yoga machen dürfen. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Ich freue mich auf die nächste Fahrt.

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