Dienstag, 10. Dezember 2013

Lernen und Persönlichkeitsentwicklung = eigennütziger Selbstfindungstrip?

“Lernen durch tatkräftiges Helfen” - So lautet das offizielle weltwärts Motto.
Aber was beinhaltet dieses “Lernen” und welchen nachhaltigen Effekt hat mein neu gewonnenes Wissen für andere? Und bin ich als frisch gebackene Abiturientin ohne berufliche Qualifikationen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit überhaupt in der Lage “tatkräftig zuhelfen”?

Das Diskutieren über das weltwärts Motto beim Zwischenseminar im November regte mich erneut dazu an über den Sinn des weltwärts Freiwilligendienstes nachzudenken. Unterschiedliche Rollenbilder eines Freiwilligen wurden diskutiert. Einige hatten andere Erwartungen an den Freiwilligendienst und an sich selbst, als andere. Ein gemeinsamer Nenner für alle wurde auch am Ende der Seminartage nicht gefunden.
Da nun fast die Hälfte unserer Zeit in Indien vorbei ist, möchte ich im folgenden Beitrag mein persönliches Fazit über den Sinn und Wert eines weltwärts Freiwilligendienstes mit dem Schwerpunkt auf den Aspekt der Nachhaltigkeit darstellen. Ob wir unserer NGO im hier und jetzt nun "tatkräftig helfen" weiß ich nicht. Trotzdem haben Janina und ich das Gefühl, sei es das Schreiben von Case studies, das Drehen des Dokumentationsfilms über das CaSP Projekt, die Arbeit mit den Mädchen im Heim oder einfach der kulturelle Austausch mit Mitarbeitern, dass wir nicht völlig "nutzlos" für unsere NGO sind.


“Welwärts”, der entwicklungspolitische Freiwilligendienst, welcher vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert wird, wird in den Medien viel diskutiert. Weltwärts sei ein “Abenteuerurlaub auf Staatskosten”, ein “über Steuergelder finanziertes Tourismus-Programm für junge Leute” und eine “Abenteurerreise für deutsche Ethno-Touristen” heißt es immer wieder von kritischen Stimmen. Das Programm sei ein “Selbstfindungstrip für Abiturienten mit Weltverbesserer-Drang”. Weltwärts ist in meinem Auge zwar nicht einfach als “Selbstfindungstrip” abzustempel, jedoch spielen die Erfahrungen, die man macht, sowie die Dinge, die man lernt und die daraus zwangsläufig resultierende Persönlichkeitsentwicklung tatsächlich eine entscheidende Rolle. Und das nicht nur für den Freiwilligen selbst, sondern auch für die Nachhaltigkeit eines Frewilligendienstes.
Die Bedenken von Seiten der weltwärts-Kritiker sind für mich trotzdem stellenweise nachvollziehbar. Auch ich habe mir sowohl vor dem Antreten des Frewilligendienstes, als auch während meiner Zeit hier in Indien oft die Frage gestellt, ob das Geld, welches vom BMZ in weltwärts gesteckt wird, nicht effektiver, nachhaltiger und mehr im Sinne der Entwicklungshilfe, in Projekte und Fachpersonal in den jeweiligen Schwellen- und Entwicklungsländern, investiert wäre.


Im folgenden spreche ich vor allem für mich persönlich, da ich es natürlich nicht ausschließen kann, dass es tatsächlich Freiwillige gibt, die sich einen lauen Lenz im Ausland machen und sich nicht bemühen ihre Eindrücke und Erfahrungen zu observieren, zu reflektieren und daraus zu lernen.
Das Lernen steht nämlich, wie es auch in dem Motto deutlich werden soll, im eigentlichem Fokus von weltwärts. Natürlich sind wir als Freiwillige in der Regel keine Entwicklungsexperten. Aber wir sind junge, motivierte (im Idealfall) Menschen, die die Zeit in einer ausländischen Organisation und in einer anderen Kultur nutzen um zu lernen. Sei es über Entwicklungszusammenarbeit, eine andere Kultur mit ihren unterschiedlichen Werten und Normen oder die eigene Verantwortung in der Gesellschaft. - In einem Land wie Indien hat man meiner Meinung nach gar keine andere Wahl, als seinen Blick auf die Welt und das Leben zu erweitern. Durch Gespräche und Erfahrungen befindet man sich quasi im permanenten Lernprozess. Folglich fängt man auch an seine eigene Denkweise und sein bisheriges Handeln in Frage zustellen. (Mit dieser Aussage möchte ich auf keinen Fall den Eindruck vermitteln durch meinen Aufenthalt in Indien die Weisheit mit Löffeln gegessen zuhaben! Es gibt so vieles was es noch zu erfahren, zu sehen und zu lernen gibt. Diese Erfahrung machen wir hier täglich.) Die Persönlichkeitsentwicklung und das Aneignen von neuem Wissen resultieren somit zwangsläufige aus einem Freiwilligendienst im Ausland – und sind für die Nachhaltigkeit des eben diesen entscheidend.

Dabei kann sich dieser Effekt nach dem Freiwilligendienst in unterschiedlichen Formen wiederspiegeln. Sei es, dass man tatsächlich den beruflichen Weg in die Entwicklungsarbeit wählt, oder doch einen kommerziellen Werdegang einschlägt, sich aber dazu entscheidet von seinem Einkommen regelmäßig Geld an NGOs im Ausland oder gemeinnützige Organisationen in Deutschland zu spenden. Oder man engagiert sich neben dem Beruf auf Freiwilligenbasis in einem sozialen Projekt. Oder man entscheidet sich dazu sein Konsumverhalten zu ändern, fairen Handel zu unterstützen, auf nachhaltige Produkte zu setzen und verantwortungsbewusst mit Ressourcen, wie Wasser und Strom, und der Natur umzugehen.
Und wenn es nur das Teilen von Erfahrungen, Eindrücken und neu gewonnenen Erkenntnissen im Kreise der Familie, Freunden und Bekannten ist - Jedem Freiwilligen ist es selbst überlassen in welchem Ausmaß und in welcher Form er für die Nachhaltigkeit seines Freiwilligendienstes sorgt.

Abschließend kann ich also nicht sagen, ob das Geld in weltwärts nun generell sinnvoll investiert ist, da ich bei weitem nicht jeden weltwärts Freiwilligen persönlich kenne. Ich kann noch nicht einmal ganz genau sagen, wie mein Beitrag zur Nachhaltigkeit des weltwärts Programms nach meiner Rückkehr aussehen wird. Das weltwärts Programm als solches kann also nicht allgemein als "erfolgreich" oder "nachhaltig" beurteilt werden, sondern nur für jeden einzelnen Freiwilligen. Die Verantwortung liegt also in der Hand eines jeden Freiwilligen.


Wer noch mehr Meinungen über den Sinn und Wert des weltwärts Freiwilligendienstes aus Sicht von Freiwilligen lesen möchte, dem kann ich wärmstens die folgenden Beiträge meiner Mitfreiwilligen empfehlen.
Franzis Antwort auf einen Zeitungsartikel, der den weltwärts Freiwilligendienst kritisiert http://kks-pds-13.blogspot.de/2013/10/the-klarissa-issue_17.html und Paulinos Fazit nach dem zweiten und dritten Monat in Indien http://kks-vosard-2013.blogspot.de/2013_11_01_archive.html und
http://kks-vosard-2013.blogspot.de/2013/10/the-second-month-der-zweite-monat.html


(Rike)








Samstag, 30. November 2013

Deepavali, Halloween & ein Laternenumzug

Puuuuh, wenn ich mir das Datum von unserem letzten Blogeintrag anschaue, denke ich mir nur: „Wie kann es sein, dass schon wieder vier Wochen vorbei sind?!“  Manchmal ist es schon fast beängstigend, wie schnell die Zeit davonrennt, vor allem jetzt, da wir sehr mit unserer Dokumentationsarbeit in Pollachi beschäftigt sind. Rike kümmert sich um den Dokumentationsfilm über das HIV-Projekt von NMCT und ich verfasse Lebensgeschichten von Menschen bzw. Familien, die von HIV/ Aids betroffen sind und von NMCT unterstützt werden. Rike hatte ja bereits von unseren Hausbesuchen und Erfahrungen in Pollachi berichtet.

Was wir in den letzten Wochen außer unserer Dokumentationsarbeit sonst noch gemacht haben bzw. was hier im Abhaya Students Shelter so passiert ist, erfahrt ihr jetzt:

Happy Deepavali!!!


Bei Diwali (Hindi) bzw. Deepavali (Tamil), was übersetzt so viel wie „Weg des Lichts“ bedeutet, handelt es sich um ein hinduistisches Fest. Die Menschen feiern an diesem Tag den Sieg des Guten über das Böse bzw. des Lichts über die Dunkelheit. Deepavali ist eines der bedeutendsten Feste der hinduistischen Kultur und wird folglich in ganz Indien würdig zelebriert.
Schon Wochen vor dem eigentlichen Feiertag wurden überall Plakate angebracht mit der Aufschrift: „Happy Deepavali!“, Lichterketten schmückten die riesigen Kaufhäuser, Saris und Churidars wurden zu reduzierten Preisen und indische Süßigkeiten wie Sand am Meer angeboten.  Es gehört nämlich zur Tradition, an Deepavali neue Klamotten zu tragen und sich gegenseitig Süßigkeiten zu schenken. Kein Wunder also, dass die Einkaufsstraßen und Geschäfte zu dieser Zeit extrem überfüllt waren.
Mit Unterstützung anderer NGOs veranstaltet NMCT jedes Jahr zu Deepavali eine ganz besondere Feier für Familien, die von HIV/ Aids betroffen sind. Dieses Jahr fand diese Feier eine Woche vor dem eigentlichen Feiertag, am 27. Oktober 2013 in Tirupur statt. Es wurden u.a. Reden gehalten, Süßigkeiten und neue Klamotten an die Kinder verteilt sowie Tanz- und Gesangsvorführungen aufgeführt.


Geschenke!!!








Auch die Mädchen im Abhaya Students Shelter wurden von Spendern mit neuen Outfits und Süßigkeiten beschenkt und freuten sich natürlich sehr darüber.





Drei der kleineren Mädels mit ihren neuen, schicken Outfits


Am Vorabend von Deepavali fing das große Feiern richtig an. Es wurden viele bunte Feuerwerke entzündet und verschiedene Knaller bzw. Böller auf die Straßen geschmissen. Wir haben also unser Silvester schon vorgefeiert, nur, dass das Ganze ungefähr fünfmal so laut und zehnmal so wild war als bei uns in Deutschland.


Punitha hat keine Angst...




Rike und ich wurden an diesem Abend von unserem Direktor Sankar uns seiner Frau Seetha zum Essen eingeladen. Beide kommen ursprünglich aus dem Bundesstaat Kerala, gekocht wurde also keralisch. Es gab Gerichte, von denen wir noch nie zuvor etwas gehört hatten, die uns aber mindestens genauso gut schmeckten wie tamilisches Essen.
Am nächsten Morgen, also dem eigentlichen Feiertag, bestrich Seetha unsere Stirn mit Öl. Dadurch segnen ältere Menschen ihre jüngeren Familienmitglieder oder Freunde und wünschen ihnen eine glückliche, zufriedene Zukunft. Nach dem Baden bzw. Duschen werden 
schließlich die neuen Klamotten eingeweiht.


Drillinge?! Rike, Sri (Sankar und Seethas Tochter) mit unseren neuen Churidars




In diesem Sinne noch ein verspätetes „Happy Deepavali“ nach Deutschland! :-)


Halloween-Grusel-Abend & St. Martinsumzug


Wir lernen hier ständig neue Dinge über die indische bzw. hinduistische Kultur. Dinge, die uns faszinieren und die wir nicht so schnell vergessen werden. Daher wollten wir den Mädchen im Abhaya Students Shelter auch mal etwas von der westlichen Welt bzw. Kultur näherbringen.
Zunächst einmal haben wir ihnen etwas zum Hintergrund des Gruselfests erzählt und anschließend gemeinsam einen Halloween-Grusel-Abend vorbereitet. Dazu haben wir ganz traditionell Kürbisse ausgehöhlt (da wir nicht genügend orangefarbene Kürbisse auftreiben konnten, gab es bei uns dieses Jahr auch grüne), Kürbischutney aus dem Fruchtfleisch zubereitet, Gruselteelichter und Masken gebastelt, Halloweenmusik gehört und uns gegenseitig Gruselgeschichten erzählt.  Ein besonderer Abend mit Gruseleffekt und jeder Menge Spaß war garantiert! :-) 


...und Bethamal beim Kürbisaushöhlen 
Manju...

Leeeecker, Kürbischutney!
Ein Fledermaus-Teelicht





Der Halloween-Grusel-Abend kann beginnen!

„Ich geh‘ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.“…

Diese Zeilen kommen jedem bekannt vor. Sie stammen aus einem Kinderlied, das beim Laternenumzug am St. Martinstag gesungen wird. Auch wir haben uns überlegt mit den Mädchen Laternen zu basteln und durch die Straßen zu ziehen. Einige der älteren Mädchen hatten bereits zwei Jahre zuvor Laternen mit den ehemaligen Freiwilligen gebastelt und wussten ungefähr, wie das Ganze funktioniert. Für die Kleinen bzw. „Neuen“ hingegen war es das erste Mal und dadurch natürlich umso spannender und aufregender.
Jedes der Mädchen bastelte seine eigene, individuelle Laterne und verzierte sie mit Herzen, Sternen, Früchten, Kerzen und, und, und. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt und die Ergebnisse konnten sich auf jeden Fall sehen lassen.

Leider konnten wir nicht direkt am 11.11., dem eigentlichen St. Martinstag, durch die Straßen ziehen, da wir in der Woche vom 11.-16. November auf dem Zwischenseminar, dem sog. „Midterm-Workshop“ im KKID waren. Dieses Seminar gab uns Gelegenheit dazu, unsere ersten Monate in Indien zu reflektieren, aber auch uns mit den anderen Freiwilligen über gesammelte Erfahrungen auszutauschen bzw. Erfahrungen zu teilen. Außerdem haben wir einiges gelernt, u.a. über Entwicklungszusammenarbeit oder kulturelle Unterschiede, sowie helfende und interessante Gespräche über Erwartungen und Enttäuschungen geführt. Nun aber wieder zurück zu unserem verspäteten Laternenumzug. Nach unserer Rückkehr ins Abhaya Students Shelter, wo 21 Mädchen strahlend auf uns zu rannten und uns herzlich in die Arme schlossen, bastelten wir die fehlenden Laternen fertig. Da hier aber momentan Regensaison ist und das Wetter leider alles andere als gut war, mussten wir noch einige Tage warten, bevor wir endlich starten konnten.

Wir zündeten die Teelichter an, befestigten die gebastelten Laternen an Stöcken und liefen los. Menschen auf den Straßen schauten uns neugierig hinterher, als wir anfingen die zuvor einstudierten Lieder zu trällern: „Ich geh‘ mit meiner Laterne…“ oder „Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne…“. Der Weg führte uns zu einer Ziegelsteinfabrik, wo wir von den Mitarbeitern und deren Familien herzlich empfangen wurden. Es wurde gespielt und anschließend gemeinsam zu Abend gegessen. Danach mussten wir auch schon wieder aufbrechen, um nicht allzu spät im Abhaya anzukommen.




"Hey Zulu, attention!" Eines der Lieblingsspiele unserer Mädels 

Es war schön, gemeinsam mit so vielen Menschen zur Abwechslung mal keine indische, sondern eine „deutsche function“ zu feiern. Dadurch konnten wir ihnen zumindest einen kleinen Teil aus „unserer Welt“ zeigen.

Ich sende euch ganz liebe und sonnige Grüße ins kalte Deutschland! 

(Janina)

Samstag, 2. November 2013

Volles Programm

Zwei Monate sind wir jetzt schon in Indien und es wird auf jeden Fall  Zeit für einen neuen, ausführlichen Blogeintrag. Rike hat ja schon von ihrem „special birthday“ berichtet. Nun folgen noch einige weitere Eindrücke der letzten Wochen, damit ihr ENDLICH wieder auf dem Laufenden seid und etwas zum Lesen habt. Viel Spaß dabei! :-) 

Wir zelebrieren den Tag der deutschen Einheit in Indien!

Vom deutschen Konsulat erhielten wir eine schriftliche Einladung , am 04.10.2013 den Tag der deutschen Einheit in einem Hotel in Chennai, der Hauptstadt Tamil Nadus,  zu feiern. Da auch zwei unserer Mitfreiwilligen, Hannah und Johanna von CSED (www.kks-csed-13.blogspot.de), dazu eingeladen wurden, entschlossen wir uns dazu, gemeinsam nach Chennai zu fahren, um uns ein bisschen die Stadt anzuschauen und an der Veranstaltung teilzunehmen. Am 03.10.2013, also kurz nach unserem zweitägigen Aufenthalt in Kanyakumari, ging es direkt wieder weiter. Abends trafen wir uns mit den anderen beiden am Bahnhof in Coimbatore und freuten uns alle riesig über das Wiedersehen. Jede von uns hatte schließlich eine Menge zu erzählen und es war einfach schön, sich austauschen zu können. Mit dem Nachtzug ging es Richtung Chennai, wo wir früh morgens gegen fünf Uhr ankamen und zu unserer Unterkunft gebracht wurden. Nach ein paar Stunden Schlaf –der um diese Zeit und nach der langen  Zugfahrt auf jeden Fall nötig war- machten wir uns schließlich auf den Weg, die Stadt zu erkunden.


Hier ein paar Bilder von unserer privaten "sight-seeing-tour“:



St. Andrew's Church

Der High Court und ein Teil
des indischen Verkehrs ;-)

Gruppenfoto am St. Marina Port :-)

Abends wurden wir schließlich von einem Taxi abgeholt, das uns zur Veranstaltung im Hotel „The Leela Palace“ bringen sollte. Das war jedoch alles andere als einfach, da sich der Taxifahrer nicht wirklich gut auszukennen schien und immer mal wieder anhalten musste, um verschiedene Leute nach dem Weg zu fragen (als TAXIFAHRER!!!). Glücklicherweise fuhren wir früh genug los, sodass wir pünktlich an unserem Zielort ankamen. 
Schon der erste Eindruck, als wir die Auffahrt zum Hotel hinauffuhren, war mehr als überwältigend. Wir schienen wirklich in einer anderen Welt zu sein. Nur wenige Minuten vorher schauten wir aus den Fenstern, fuhren an Slums vorbei, in denen sehr viel Armut und Elend herrscht und wo viele Menschen Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen.  Und dann sahen wir plötzlich dieses imposante, beleuchtete Luxushotel, das genau das Gegenteil davon repräsentierte -  Reichtum und Wohlstand. Das war eigentlich der erste richtige Kulturschock für uns, denn auf Armut und Elend wurden wir in den Vorbereitungsseminaren in Deutschland nur zu gut vorbereitet und wussten, was uns erwarten würde. Doch dieses „andere Indien“, dieses reiche Indien, war neu für uns.
Auch als wir in den Saal eintraten, in dem die Veranstaltung stattfand, konnten wir nur staunen. Zum einen natürlich über den Luxus, der darin vertreten war, zum anderen aber auch darüber, wie viele Deutsche wir dort antrafen. Einige davon waren Freiwillige wie wir, mit denen wir uns über unsere bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse austauschen konnten, andere wiederum waren Geschäftsleute, die sich in Indien niederließen und uns von ihrem Lebensweg erzählten.  Es waren aber nicht nur deutsche, sondern auch indische Vertreter anwesend und so kann der Abend als eine Art interkulturelles Programm bezeichnet werden, bei dem man die Möglichkeit hatte, sich mit unterschiedlichen Menschen über alles Mögliche zu unterhalten.  Interkulturell war auch die Einführung in den Abend – es wurden sowohl die indische als auch die deutsche Nationalhymne gespielt – und natürlich das besondere Büffet: Es gab einen Stand mit indischen und einen mit deutschen Spezialitäten. Da mussten wir natürlich ordentlich zuschlagen! Für uns war es das erste (und vielleicht auch letzte) Mal, dass wir hier in Indien etwas typisch Deutsches gegessen haben.  Aber wir sind natürlich auch mit dem indischen Essen mehr als zufrieden!

Das Büffet...


...ist eröffnet!


Viele, viele bunte Saris


Der Abend war auf jeden Fall eine Bereicherung für uns. Wir lernten viele nette Leute, deutsche und indische, kennen, führten interessante Gespräche und durften die luxuriöse Seite Indiens bestaunen. Arm und reich, traditionell und modern liegen hier wirklich sehr nah beieinander und das wurde mir durch diesen Abend nochmals verstärkt vor Augen geführt.

Ein etwas anderer Feiertag…

Ayudha Pooja heißt dieser Feiertag und wird in Indien einmal im Jahr über mehrere Tage gefeiert. Als Rike und ich am 13.10.2013 nach draußen in den Hof gingen, mussten wir erst einmal schmunzeln. Überall waren Fahrräder und Motorräder aufgestellt, die mit Blumenketten und Girlanden verziert waren. Auch die Autos,  die Computer im Office der NMCT-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen  und sogar die Schulhefte- und bücher der 21 Mädchen wurden geschmückt. „Was geht denn hier vor sich?!“, dachte ich mir zunächst. Doch Seetha, die Frau unseres Direktors, erklärte uns, dass an Ayudha Pooja die verschiedensten Dinge verehrt und gesegnet werden: Fahrzeuge, Bücher, Schreibutensilien, Computer, einfach alles. Dadurch wollen die Menschen ihre Dankbarkeit ausdrücken, denn ohne all diese Dinge hätten sie nicht denselben Lebensstandard. Dieser Feiertag ist also alles andere als lächerlich -wie auf den ersten Blick vermutet- sondern hat eine tiefgründige Bedeutung, die ich nur bewundern kann. Würden wir in Deutschland auf die Idee kommen, Dinge, die unser Leben erleichtern und schöner machen, zu preisen und zu ehren? Wohl kaum. Für viele von uns ist dieser Luxus leider selbstverständlich und nichts Besonderes. Hier hingegen wissen die Menschen sogar die kleinsten Dinge zu schätzen und sind dankbar für das, was sie haben.



Ein paar Snacks
 für die Dorfgemeinschaft

Besuch aus Deutschland

Letzte Woche verbrachten Angehörigen von Herrn Karl Kübel, dem Stifter der KKS gemeinsam mit zwei Mitarbeitern der KKS, Frau Palga und Herrn Tepel,  hier in Coimbatore, um einen tieferen Einblick in die Entwicklungszusammenarbeit der Stiftung zu erhalten, einige der Projekte zu besuchen bzw. kennenzulernen, aber natürlich auch, um etwas über die indische Kultur und Religion zu erfahren. Rike, Hannah und Johanna von CSED und ich erhielten die Möglichkeit, die Gruppe die ganze Woche über zu begleiten. Dadurch konnten wir ihnen von unserem Freiwilligendienst, dem „weltwärts“-Programm und unseren bisherigen Erfahrungen erzählen, aber auch selbst unseren Horizont erweitern, wofür wir sehr dankbar sind.

Bereits am ersten Tag wurden wir in die indische Kultur eingeführt. Der Weltmeister des Karambol-Spiels und drei weitere professionelle Spieler kamen zum KKID (Karl Kübel Institute for Education Development) und führten uns in ihre Künste ein. Karambol ist ein aus Indien stammendes, billardähnliches Brett- bzw. Geschicklichkeitsspiel und hier sehr verbreitet und beliebt – bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Das Spiel ist entweder für zwei (einer gegen einen) oder vier Spieler geeignet (zwei gegen zwei).
Das Brett und die Spielsteine bestehen aus Holz. Es gibt neun weiße, neun schwarze und einen roten Stein, die Queen. Als „Billardkugel“ dienen sogenannte Schusssteine aus Kunststoff, die etwas größer sind als die Spielsteine.  Es würde eindeutig zu lange dauern, Regeln genau zu erklären, aber Ziel des Spiels ist es, die eigenen neun Steine schnellstmöglich in die Ecklöcher zu bringen (wie beim Billard). Versenkt man die Queen, muss diese noch mit einem anderen Stein der eigenen Farbe bestätigt werden, erst dann erhält man Punkte. Ich hoffe, ihr versteht jetzt nicht nur Bahnhof...

Bei professionellen Spielern sieht das Ganze ziemlich einfach aus, aber das ist es definitiv nicht. Man muss sich sehr konzentrieren und am besten auch während des Spiels nicht reden, damit man nicht abgelenkt wird.
Bei uns sah es zwar nicht wirklich professionell aus, aber Spaß hatten wir auf jeden Fall!


Die Profis in ihrem Element


Am nächsten Tag (Montag, 21.10.13) besuchten wir einige Mitglieder der Frauenselbsthilfegruppen von VIMUKTHA, ein durch NMCT und die KKS ins Leben gerufene Projekt, (http://kks-nmct-13.blogspot.de/2013/09/ein-paar-eindrucke.html) und erhielten einen Einblick in ihre Arbeit und ihr Leben. Rike und ich hatten uns vorher schon ein bisschen mit dem Projekt auseinandergesetzt und einige Frauen kennengelernt. Es ist wirklich immer wieder bewundernswert, wie sie sich durch VIMUKTHA entwickelt haben – zu selbstständigen, starken und unabhängigen Frauen, die in der Lage sind, eigene Geschäfte zu führen.

Familie Kübel wird feierlich empfangen;
mit Blumenketten und frischem Kokosnusssaft.

                     
Lakshmi (Name geändert), ein Mitglied der VIMUKTHA-Frauenselbsthilfegruppen, bei der Arbeit. Sie stellt kleine Tontöpfchen her, die vor allem in Tempeln und bei bestimmten Festlichkeiten vorzufinden sind. Lakshmi ist dankbar und glücklich. Sie hat Arbeit, ein geregeltes Einkommen und kann ihre Familie versorgen. 


Pavithra (Name geändert) musste schon als kleines Kind arbeiten gehen, weil das Einkommen ihrer Eltern zum Überleben der Familie nicht ausreichte. Dank VIMUKTHA verdient ihre Mutter nun genug und Pavithra kann wieder zur Schule gehen. In ihrer Freizeit tanzt sie gerne. Stolz zeigt sie uns ihrer Pokale, die sie bei Tanzauftritten gewonnen hat. Pavithra ist glücklich und genießt ihr Leben.



Abends fuhren wir gemeinsam zu dem auf einem Berg der Western Ghats gelegenen Marudamalai Tempel. Dieser Tempel ist sehr bekannt und für den hinduistischen Gott Murugan, den Bruder des Elefantengotts Ganesha, errichtet worden.


Der heilige Wagen, auf dem
Murugan transportiert wird


















Am Dienstagabend besuchte Familie Kübel das Abhaya Students Shelter. Gemeinsam mit den Mädchen hatten Rike und ich ein interkulturelles Programm vorbereitet. Neben traditionellen indischen Tänzen trugen die Mädchen auch ein deutsches Kinderlied („Die Jahresuhr“) und das Märchen „Hänsel und Gretel“ vor. Zum Abschluss gab es eine Art Flashmob, bei dem jeder mittanzte!

 
Die Großen
Die Kleinen
Hänsel und Gretel mit der bösen Hexe


Nach dem "offiziellen" Programm hatte man Zeit, sich zu unterhalten, mit den Kindern zu spielen oder sich das Abhaya-Heim genauer anzuschauen.Anschließend folgte ein traditionell indischen Abendessen und danach fuhr Familie Kübel auch schon wieder zurück ins KKID. Es war ein sehr schöner Abend und wir alle hatte unglaublich viel Spaß, besonders die Mädchen! :-)

Am Mittwoch, den 23.10.13 stand ein Ausflug nach Ooty auf dem Programm. Ooty ist ein Bergort in den Nilgiribergen und liegt ca. 2500 Meter hoch. Entdeckt bzw. gegründet wurde der Ort von dem Briten John Sullivan Anfang des 19.Jahrhunderts. Mit einem Minibus fuhren wir die Serpentinen hinauf, was eine ganz schön aufregende Angelegenheit war und einer Achterbahnfahrt ähnelte. Der indische Verkehr ist ja ohnehin etwas gewöhnungsbedürftig. Regeln scheint es auf den ersten Blick keine zu geben, Überholen ist überall erlaubt und alles läuft nach der Devise: Der Stärkere und lauter Hupende gewinnt.  Dennoch fühle ich mich sicher (meistens zumindest), weil die Autofahrer hier zu 100% aufeinander abgestimmt zu sein scheinen. Unser Busfahrer fuhr sogar stellenweise kurz vor scharfen Kurven an Autos und LKWs vorbei – und das in den schmalen, steilen Serpentinen -, aber nur, wenn ihm der Vordermann ein Zeichen gab. So wusste er, dass auch wirklich niemand entgegenkam.

Bei einem Päuschen trifft man auch mal auf den ein oder anderen Affen


Ooty ist ein wunderschöner Ort. Die kleinen Häuschen sind alle sehr farbenfroh, die Flora und Fauna vielseitig und der Blick in die Ferne ist faszinierend.

Ein wunderschöner, botanischer Garten, der im 19 Jhd. von den Briten angelegt wurde.
Hier findet man zahlreiche Baum- und pflanzenarten, die alle importiert wurden. 

Rike und ich in einem Tribalvillage vor einem "Naturtempel".
Hier werden die vier Elemente angebetet bzw. verehrt. Der Tempel darf allerdings nur von Priestern betreten werden.

Versteckspiel in den Teeplantagen...


Am folgenden Tag besuchten wir eine christliche NGO, Good Shepherd Health Education Centre and Disepensary (GSHEC), die ebenfalls mit der KKS zusammenarbeitet. GSHEC (www.goodshepherdkaramadai.com) unterstützt arme, marginalisierte Bevölkerungsschichten, vor allem Frauen und Kinder im Bereich Gesundheit, Bildung, wirtschaftliche Entwicklung etc. Ähnlich wie Vimuktha hat GSHEC zahlreiche Selbsthilfegruppen in ländlichen Gegenden.

Zu Besuch in einem Dorf, das von GSHEC unterstützt wird. Im Hintergrund sieht man eine riesige Filteranlage. Dort wird das Regenwasser gesammelt und gefiltert. So wird den Familien ausreichend Trinkwasser zur Verfügung gestellt.

Und schon folgte der letzte Tag mit Familie Kübel, an dem eine weitere, besondere Tempelbesichtigung auf dem Programm stand. Wir durften den Tempelelefant besuchen:




Nach einer anschließenden Shopping-Tour ging es abends zurück ins KKID. Dort gab es eine kleine Abschiedsrunde, bei der Bewohner eines Tribalvillages ihre traditionellen Tänze vorführten. Zum Schluss durften auch wir mittanzen! 
Eine besondere, einzigartige Woche ging zu Ende und dann hieß es schon wieder Abschied nehmen. Für Familie Kübel ging es zurück nach Deutschland und für Rike und mich ins Abhaya Students Shelter. 

Mittlerweile kehrt bei uns langsam der Alltag zurück und wir können wieder mehr Zeit mit den Mädchen verbringen. Und für mich gibt es definitiv nichts Schöneres! :-)


(Janina) 

Dienstag, 29. Oktober 2013

My Super Sweet (im wahrsten Sinne des Wortes) 20

Stille und Dunkelheit. Das Licht flackert kurz auf. Dann ein Grollen und Knallen. Für eine Millisekunde wird das Zimmer blitzartig erleuchtet.

Klingt wie der Anfang einer schlechten Horrorgeschichte? Ihr könnt beruhigt aufatmen. Ist nämlich nur ein Gewitter, welches einen gewöhnlichen Stromausfall mit sich bringt. Zum Glück bin ich mit vollem Netbookakku ausgestattet. Die Kleinen sind schon im Bett und die Großen lernen mal wieder bis in die Puppen. Da ich heute Abend mal ausnahmsweise nicht das Bedürfnis habe todmüde ins Bett zufallen, nutze ich die Gelegenheit um euch auf den neusten Stand der Dinge zu bringen. Da schießt mir unmittelbar der gleiche Gedanke wie so oft in den Kopf: Wo anfangen und wie den ganzen Eindrücken gerecht werden?
Deshalb beschränke ich mich mal auf ein relativ aktuelles Ereignis, das für mich persönlich etwas ganz besonderes war. Meine erste indische Geburstags-”Überraschungs”-Party.

Wir schreiben Sonntag, den 13.Oktober 2013. Es ist 17 Uhr. Nachdem wir den halben Tag mit den Mädels gebastelt und getanzt haben werde ich mit den Worten “You go! Take some rest, sister.” liebevoll ins Zimmer geschoben. Hmmmmmm, was ist denn hier los? Wollen die Mädchen heute etwa kein Radfahren? Und wieso soll Janina sich nicht ausruhen? Seeehr merkwürdig. 
Da sich jedoch die letzten Tage schon einige Mädchen verplappert haben und Yasotha heute ganz beiläufig erwähnt hat, dass wir ab 17 Uhr kein Programm mit den Mädels machen können, weil dann für meine Überraschungsparty dekoriert werden soll, ahne ich natürlich schon worum es geht. Seit ein paar Tagen sind die Mädchen nun schon total aufgeregt und erinnern mich mehrmals täglich daran, dass ich bald Geburtstag habe. Tatsächlich haben sie es geschafft mich mit ihrer Aufregung anzustecken und in den 4 Stunden, die ich brav im Zimmer absetzte, steigt meine Aufregung. Immerhin steht mein erster und vielleicht einziger indischer Geburtstag bevor.

Während ich brav im Zimmer warte wird unten dekoriert
Als ich dann zum Essen gerufen werden, kichern die Mädchen verschwörerisch, wenn sich unsere Blicke treffen. Nach dem Essen überlegen Janina und ich noch, ob wir bis 12 Uhr wach bleiben wollen. Da wir allerdings doch etwas erschöpft sind (Janina vom Dekorieren und ich vom ... Ausruhen), entscheiden wir uns zunächst dazu in meinen Geburtstag "rein zu schlafen". Das Angebot von Murugeshwari und Deepa, zwei der älteren Mädchen, mir ein Mehndi zu malen, kann ich dann allerdings doch nicht abschlagen. Zu indischen Feierlichkeiten darf diese traditionelle Körperbemalung nämlich nicht fehlen. Die beiden Mädchen sind noch dazu so talentiert, dass sie jeden professionellen Mehndi-Designer in den Schatten stellen. Deshalb heißt es nun 1 ½ Stunden still sitzen und den Arm hoch halten damit das Kunstwerk dem Perfektionismus der ehrgeizigen Murugeshwaris gerecht wird.

Jetzt muss das fertige Kunstwerk nur noch trocknen
Mit einem Blick auf die Uhr stellen wir fest, dass es in 15 Minuten auch schon 12 Uhr ist. Jetzt lohnt es sich natürlich auch nicht mehr schlafen zugehen. Als der Countdown beginnt versammeln sich alle Mädchen, die noch wach sind, um mich um zu singen. “Happy Birthday” gefolgt von “Happy long life” gefolgt von “Wie schön, dass du geboren bist” wird angestimmt. Kurze Zeit später falle ich mit einem Lächeln im Gesicht ins Bett.


Am nächsten Morgen werde ich von einem “Sisteeeer!” geweckt. Ich schaue neben mich, doch Janina ist wohl schon unten. Also rolle ich mich aus dem Bett und gehe zur Tür. Vor mir stehen Nithya, Punitha, Nandini und Arulakshmi, vier der jüngeren Mädchen, und begrüßen mich mit einem "Wish you happy birthday!". Ich werde aufgefordert mich zu Feier des Tages in Schale zuwerfen und einen Half-Sari zutragen. Zum Glück kommt Yasotha mir zur Hilfe, da meine Fähigkeiten einen Sari zu binden noch zu wünschen übrig lassen.
Auf dem Weg nach unten rieche ich schon den Duft von Waffeln, der unmittelbar ein Heimatgefühl bei mir auslöst. In der Küche sind einige der Mädchen und Janina schon fleißig am wirken. 

Janina backt Waffeln für rund 30 hungrige Münder
Auf die Frage, ob ich mithelfen kann werde ich mit den Worten, dass es noch einige Zeit dauern kann, ich aber an meinem Geburtstag nicht mithelfen soll, weggeschickt. Zum Glück sind gerade einige Mädchen dabei sich fertig zu machen, sodass ich mir die Zeit mit Haare flechten vertreiben kann.
Eine Stunde später bindet Punitha mir kichernd einen Schal um die Augen und Janina führt mich nach draußen.
In einem bunt dekorierten Raum werde ich von den Mädchen, Sankar, Seetha und einigen Mitarbeiter in Empfang genommen. Es gibt Zuckersüße Geburtstagstorte, mit der ich, ganz nach indischer Tradition, von jedem gefüttert werde. Waffeln mit Nutella und einige indische Süßspeisen werden verteilt, es wird wieder gesungen und die Mädchen lassen mich sogar schwungvoll, wie in alten Grundschulzeiten, hochleben. 







Nach der Feier ziehe ich mich erst mal um – ich bewundere die indischen Frauen, die jeden Tag den, im Alltag doch eher unpraktischen, Sari tragen. 
Den Rest des Tages wird immer wieder von den übrig gebliebenen Waffeln und Süßigkeiten genascht, während wir Tänze und ein Theaterstück für den Besuch, der in der kommenden Woche kommen soll, einstudieren. Später geht es auf den sogenannten “ground”, ein Sandplatz, auf dem wir fast täglich mit den Mädchen Radfahren und spielen.

Hier ein paar Eindrücke davon:
Radfahren
Dehnübungen
Der Ball hat seinen Einsatz als Baseball leider nicht überstanden
Am Ende des Tages ist mir von der Torte und den ganzen Süßigkeiten zwar etwas schlecht, aber ich bin glückselig. Alle haben dafür gesorgt, dass mein indischer Geburtstag wirklich etwas ganz besonderes und für mich unvergesslich wurde. Dafür nochmal ein herzliches "Nandri".


Das Wetter hat sich mittlerweile etwas beruhigt. Janina schläft schon tief und fest und sogar die Mädchen, die bis eben noch draußen ihre Texte für die Schule auswendig gelernt haben, sind jetzt im Bett. Dann sollte ich jetzt wohl auch mal wirklich schlafen gehen.

In diesem Sinne: Gute Nacht!
(Rike)



Samstag, 5. Oktober 2013

Ein Kurztrip ins Paradies

Es ist Samstag, der 28.09.2013 und in einer Stunde müssen wir uns gemeinsam mit Yasotha und den Mädchen auf den Weg zum  Zugbahnhof nach Coimbatore machen. Warum? Weil wir einen zweitägigen Ausflug nach Kanyakumari unternehmen. Dieser Ort liegt an der Südspitze Indiens, oder besser gesagt: er IST die Südspitze und gehört zum Bundesstaat Tamilnadu, grenzt aber an Kerala. Das besondere an Kanyakumari ist, dass sich dort drei Meere vereinen: Der Indische Ozean, der Golf von Bengalen und das Arabische Meer.

Nun aber erst einmal zum Hintergrund des Ganzen: In den letzten Wochen mussten die Mädchen sehr viel lernen, um wichtige Examen erfolgreich zu bestehen. Neben den gewohnten wöchentlichen sechs Tagen Schule von halb neun morgens bis 16 Uhr nachmittags, ging es für die älteren Mädchen direkt danach noch zu einem speziellen Nachhilfekurs bis ca. 20 Uhr abends. Anschließend mussten natürlich Hausaufgaben erledigt und gelernt werden. Viel Freizeit blieb für sie daher nicht übrig und auch die Zeit zum Spielen oder Fahrrad fahren war begrenzt. Mittlerweile haben die Mädchen ihre Examen hinter sich gebracht und jetzt heißt es für sie: 10 Tage schulfrei!
Um sie für ihr fleißiges Lernen zu belohnen und ihnen Zeit zum Entspannen zu geben, aber auch, um ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, neue, unbekannte Orte zu sehen, planen unser Direktor Sankar, seine Frau Seetha und einige weitere staff-members jedes Jahr zur selben Zeit einen ganz speziellen Ausflug. Dieses Jahr ist der Trip nach Kanyakumari vorgesehen, an dem auch Rike und ich teilnehmen dürfen. So viel also zu den Hintergrundinformationen.

Heute ist es wie gesagt soweit und die Vorfreude der Mädchen ist unbeschreiblich groß. Kein Wunder, denn für die meisten von ihnen ist es das erste Mal, dass sie das Meer sehen. Schon um 17 Uhr, d.h. eine Stunde bevor wir uns auf den Weg machen müssen, sitzen sie mit ihren gepackten Rucksäcken im Aufenthaltsraum des Abhaya Students Shelter und warten sehnsüchtig darauf, dass es endlich losgeht. Alle sind ganz aufgeregt, reden wild durcheinander, rennen auf uns zu uns rufen: “Sister, sister, today Kanyakumari going! I am very jolly!“ Aber auch Rike und ich freuen uns auf die kommenden zwei Tage und sind gespannt, was wir erleben werden. Nach einer kleinen Stärkung mit Cai-Tee und Idlis  (das sind kleine flach-runde "Reiskuchen") machen wir uns schließlich auf den Weg.


Zu Fuß geht es zur Bushaltestelle im Nachbarort.

Unser Zug fährt erst um 20.30 Uhr ab und normalerweise dauert die Busfahrt vom Abhaya Stundents Shelter zum Bahnhof nur knapp eine Stunde, aber heute sind die Straßen extrem überfüllt und es herrscht unglaublich viel Verkehr. Glücklicherweise haben wir so viel Zeit eingeplant, dass wir gerade noch rechtzeitig am Bahnhof ankommen. Dort werden wir auch sofort von den staff-members in Empfang genommen und darauf hingewiesen, dass der Zug bereits  startklar ist. Mit hektischen Schritten geht es also in Richtung Gleis, was aber alles andere als einfach ist, da auch der relativ große Bahnhof von Menschenmassen überfüllt ist. Nach knapp  zehn Minuten haben wir es aber geschafft: Wir steigen in den Zug und drängeln uns mit unserem Gepäck durch die schmalen Gänge zu unseren Sitz- bzw. Schlafplätzen. Auf den unbequemen, hellblauen Klappliegen, die zum Schlafen dienen, hat man nur sehr wenig Platz. Die Fenster sind die ganze Zeit über geöffnet, sodass uns der kühle Fahrtwind um die Ohren bläst. Der Zug ist laut und auch die Ventilatoren machen Lärm. Das scheinen  nicht gerade die günstigsten Bedingungen für eine ruhige, erholsame Nacht zu sein, aber da wir alle ziemlich müde sind, schlafen wir bald ein, sodass die 11-stündige Fahrt bis zur Ankunft am nächsten Morgen wie im Flug vergeht.

 29.09.2013, Tag 1

Am Bahnhof in Kanyakumari angekommen, teilen wir unsere 32-köpfige Gruppe auf, da wir mit Rikjas zur Unterkunft gebracht werden. Normalerweise passen in ein solch kleines Fahrzeug maximal fünf Leute, aber wir brauchen für unsere große Gruppe nur drei Rikjas. Rike und ich quetschen uns mit drei staff-members und sieben Mädchen samt Gepäck in eine Rikja und dann geht die wilde Fahrt auch schon los. Wir sind zwar völlig eingeengt und haben kaum Platz uns zu bewegen, aber das stört uns nicht. Viel zu sehr sind wir damit beschäftigt, die wunderschöne, grüne Landschaft Kanyakumaris zu bewundern. Nach knapp einer halben Stunde Fahrt erreichen wir die Unterkunft,  ein christliches Heim, das leider kaum mehr genutzt wird, aber dennoch sehr sauber und ordentlich ist. 
Ganz schön viel los!
Nachdem wir unsere Zimmer bezogen und gefrühstückt haben, machen wir uns alle gemeinsam auf den Weg zum Meer. Schon morgens ist auf den Straßen jede Menge los, da Kanyakumari ein sehr beliebtes Reiseziel  in Indien ist. Besonders bekannt ist der Ort für seine beiden Denkmäler, die sich ein paar hundert Meter von der Küste entfernt auf zwei Felsen befinden. Bei dem einen Denkmal handelt es sich um eine rund 40 Meter hohe Statue, die als Denkmal für den tamilischen Dichter Tiruvallur errichtet wurde und uns schon aus der Ferne ins Auge sticht. Auf dem anderen Fels befindet sich eine Art Tempeloase, das Vivekananda-Denkmal, das vor über 40 Jahren errichtet wurde und als Gedenkstätte für den indischen Philosophen Vivekananda dient. Mit der Fähre erreichen wir dieses Denkmal, besichtigen die Tempel, schauen hinaus auf das weite Meer und genießen die Aussicht.  Nicht nur die Mädchen, sondern auch wir sind begeistert von dem, was wir sehen und erleben dürfen.



Die imposante Tiruvallur-Statue
Einer der Tempel des
Vivekananda- Denkmals
Die Mädchen & im Hintergrund das Meer


Gegen Mittag gehen wir zurück zu unserer Unterkunft, um etwas zu essen und uns ein bisschen auszuruhen, was bei rund 35°C und purem Sonnenschein auf jeden Fall nötig ist. Abends machen wir uns schließlich wieder auf den Weg Richtung Meer und bewundern gemeinsam mit Hunderten von Menschen den Sonnenuntergang. Schon nach wenigen Minuten ist die Sonne verschwunden und es wird langsam dunkel.




Wir gehen weiter zum Strand und bis zu den Knien ins Wasser. Die Mädchen springen schreiend und lachend in die Luft, wenn eine Welle kommt. Angst scheinen sie keine zu haben, im Gegenteil. Sie haben unglaublich viel Spaß und genießen die Abkühlung in vollen Zügen – genau wir Rike und ich. Die Nacht bricht langsam an und wir machen wir uns auf den Weg zurück zur Unterkunft. Nach dem Abendessen fallen wir alle erschöpft in unsere Betten. Ein anstrengender, aber wunderschöner und unvergesslicher Tag geht zu Ende…


30.09.2013,Tag 2

Auch der zweite und letzte Tag in Kanyakumari bleibt für uns unvergesslich. Er beginnt um halb sechs Uhr morgens. Warum wir so früh aufstehen? Weil wir uns den Sonnenaufgang auf der Dachterrasse anschauen wollen. Wir hören schon die Mädchen nach uns rufen und steigen - noch halb verschlafen - die Stufen zur Dachterrasse hinauf. Noch ist es dunkel, aber es dauert nicht lange, bis die Sonne auftaucht und die Umgebung erhellt. Der Anblick ist wunderschön und das Aufstehen hat sich auf jeden Fall gelohnt!



Mindestens genauso schön wie der Sonnenuntergang am Vorabend!

Nach dem Frühstück werden wir von einem Kleinbus abgeholt, denn heute ist eine sight-seeing-tour geplant. Erster Halt: Der Thanumalayan Tempel in Suchindram, einem kleinen Ort im Süden Kanyakumaris. Dort werden die drei wichtigsten Götter,  Siva, Vishnu und Brahma, angebetet und zusammengeführt, was diesen Tempel zu etwas ganz Besonderem macht. Wir sind von der Fassade und Größe des Tempels beeindruckt, aber auch über die Götterskulpturen und hohen Säulen im Inneren können wir nur staunen. Dennoch fällt es uns manchmal immer noch schwer die Zeremonien des Hinduismus zu begreifen. Eine spannende, faszinierende und zugleich verwirrende Religion!




Nach der Tempelbesichtigung folgt zunächst eine knapp zweistündige Busfahrt. Unser nächstes Ziel ist das „Mathur Aceduct“. Dieses über dem Pahrali-Fluss erbaute Aquädukt ist das längste und höchste Südasiens und damit auch eine beliebte Touristenattraktion. Von der Brücke aus genießen wir den überwältigenden Ausblick und die Weite. Die Landschaft wirkt paradiesisch, irgendwie unwirklich.


Macht euch doch am besten selbst ein Bild davon:




Es folgt ein traditionelles Mittagessen, serviert auf einem Bananenblatt, und danach geht es auch schon weiter zur letzten, aber mit Abstand spaßigsten Attraktion: Die Tiraparappu Waterfalls. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um einen ca. 15 Meter hohen Wasserfall, gebildet von dem rund 90 Meter breiten Kodayar-Fluss. Wir sind aber nicht nur da, um die Landschaft und den Wasserfall zu bestaunen, sondern auch um uns zu erfrischen – genau das Richtige bei der Hitze. Samt Klamotten geht es also ins kühle Nass! :-)




Jetzt müssen unsere Klamotten
nur noch trocknen...






Im Hintergrund seht ihr die
Tiraparappu Waterfalls.
                                    
Nach einer Stärkung mit Cai-Tee und indischen Snacks machen wir uns auf den Weg zum Bus. Der Kurztrip ist vorbei und wir werden zum Bahnhof gebracht. Jetzt geht es leider schon wieder zurück nach Coimbatore. Wir haben in den zwei Tagen unglaublich viel Schönes erlebt und jede Menge Spaß mit den Mädchen gehabt, wofür wir sehr dankbar sind. Ein ganz besonderer Dank gilt an dieser Stelle Sankar und Seetha, die uns das Ganze überhaupt ermöglicht haben.

Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und konntet einen Eindruck vom Paradies Kanyakumari und unseren Erlebnissen gewinnen.

Bis bald und liebe Grüße in die Heimat!


(Janina)